
Martin Schulz besuchte Jugendwohnheim auf dem Burgberg
Frontenhausen/Burgberg. Mitglieder der SPD-Basis des Landkreises empfingen am Dienstag den ehemaligen Präsidenten des Europarates Martin Schulz. Begleitet wurde er vom SPD-Kreisvorsitzenden Dr. Bernd Vilsmeier und Wahlkreisabgeordneter Ruth Müller.
Bei seiner Stippvisite auf dem Burgberg übergab ihm Diplom-Sozialpädagoge Alfred Gruber, der pädagogische Leiter des Jugendwohnheims, einen Artikel des Dingolfinger Anzeigers vom vergangenen Donnerstag mit der Überschrift „Martin Schulz redet sich in Rage“. Gruber dankte Schulz für seine klaren Worte im Bundestag. Schulz hatte Gauland kritisiert, er bediene die tradierten „Mittel des Faschismus“, wenn er den Eindruck erwecke, die Migranten seien an allem Schuld. „Eine ähnliche Diktion hat es in diesem Hause schon einmal gegeben“, mahnte er mit Blick auf den Nationalsozialismus.
Bei seinem Rundgang durch die Werkstätten des Gartenbaulehrbetriebs traf Marin Schulz sprach- und hörgeschädigte Flüchtlinge aus Afghanistan. Drei der ehemals 23 minderjährigen unbegleiteten Afghanen leben jetzt noch auf dem Burgberg. Sie sind inzwischen volljährig, einer davon ist noch im Garten- und Landschaftsbau, die anderen sind im betreuten Wohnen des dortigen Heimes des Bayerischen Landesverbandes für die Wohlfahrt Gehörgeschädigter untergebracht. Die meisten Jugendlichen machen zum Beispiel eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann, Industrieelektriker oder Bäcker. Es wurden Wohnungen in der Nähe des entsprechenden Ausbildungsplatzes gesucht. Allen Jugendlichen, die bereit waren eine Ausbildung zu absolvieren, konnte ein Ausbildungsplatz verschafft werden. Alle anderen kamen in eine Gemeinschaftsunterkunft und müssen damit rechnen, dass sie den Schutzstatus verlieren.
Gruber informierte weiter darüber, dass die jungen Flüchtlinge in der Praxis überdurchschnittlich gute Ergebnisse aufweisen, jedoch bei den schriftlichen Prüfungen der Handwerkskammer nicht erfolgreich sind. Nicht, weil sie das Wissen nicht haben, sondern weil sie ihre Kenntnisse nicht schriftlich ausdrücken können. Manche hätten in der Heimat nie lesen und schreiben gelernt. Es sei ihm ein großes Anliegen, dass die Flüchtlinge ihre Prüfung mündlich ablegen könnten. Ruth Müller gab zu bedenken, dass auch andere Schüler, die eine Legasthenie oder eine Dyskalkulie haben, Bonuspunkte als Nachteilsausgleich erhalten.
Martin Schulz fasste das Anliegen des Sozialpädagogen zusammen: „Basis von Integration hat als Grundvoraussetzung drei Begriffe: Sprache, Arbeit, Freundschaft. Sprache ist Grundvoraussetzung dafür, sich in der Arbeit zu integrieren. Wer die Sprache spricht, der findet auch Arbeit. Meine Erfahrung ist: Wenn wir die Leute nicht arbeiten lassen, können sie keine lebenspraktischen Erfahrungen sammeln. Wenn die Nachbarn aber sehen, der hat eine anständige Wohnung, der kleidet sich gut, geht jeden Tag zur Arbeit, der hält sich an die Regeln und spielt im Fußballverein, ist die Akzeptanz besser. Von daher müssen wir noch viel Praktisches leisten. Auch der Krieg in Afghanistan wird irgendwann zu Ende sein. Dieses Land braucht irgendwann einmal junge Leute und wenn sie in Erinnerung haben, dieses Land hat mich ausgebildet, das ist für uns Deutsche nicht schlecht!“
Martin Schulz zeigte großes Interesse an der Führung: „Meine Frau ist Garten- und Landschaftsarchitektin, ich bin also halb vom Fach. Bis zu meiner Ehe konnte ich keine Tulpe von einer Nelke unterscheiden“, witzelte er. Unterwegs traf die Gruppe Günther Hofstetter, den Einrichtungs- und GALA-Werkstattleiter, der den praktischen Teil der Ausbildung übernommen hat. Auf dem Burgberg gibt es mehrere Wohnkonzepte für die verschiedenen Entwicklungsphasen der Jugendlichen. Die Unterbringung und Betreuung minderjähriger Flüchtlinge war für Alfred Gruber und sein Team völliges Neuland. Da aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts immer weniger ihrer eigentlichen Klienten, nämlich Hörgeschädigte, in der Einrichtung beschult wurden, tat sich mit den unbegleiteten Flüchtlingen eine neue Aufgabe auf. Das vorsichtige Herantasten, der Kampf mit der Bürokratie und die akribische Vorbereitung dieser neuen Herausforderung hätten sich wirklich gelohnt, so Gruber.
Text: Anna Unterholzer