
„Welchen Wert hat Leben ?“ – Podiumsdiskussion der SPD zum Thema Sterbehilfe

„Welchen Wert hat Leben ?“ – Podiumsdiskussion der SPD zum Thema Sterbehilfe
Rottenburg. Nach der Sommerpause diskutiert der Deutsche Bundestag über die Neuregelung der Sterbehilfe. Die SPD-Landtagsabgeordneten Ruth Müller und Johanna Werner-Muggendorfer stellten sich aus aktuellem Anlass die Frage: „Welchen Wert hat Leben?“ Dazu hatten sie am Montag zu einer Podiumsdiskussion in den Bürgersaal eingeladen. Die Diskussionsteilnehmer beleuchteten das Thema von politischer, rechtlicher, medizinischer und christlicher Seite. Die Referenten waren sich einig: ja zu einer respektvollen Begleitung des Sterbenden, nein zur aktiven Sterbehilfe.
Bevor Ruth Müller die Begrifflichkeiten Palliativstationen und Hospize, passive, indirekte und aktive Sterbehilfe sowie Beihilfe zum Suizid erklärte, führte Johanna Werner-Muggendorfer in das Thema ein. Dazu las sie einige Auszüge aus dem Buch „Mutter, wann stirbst du endlich?“ von Martina Rosenberg vor. Die Autorin beschreibt darin, wie sie ihre an Alzheimer erkrankten Mutter beim langsamen Sterben zusehen muss.

Die beiden Ärzte Dr. Klaus Timmer und Dr. Richard Daffner waren sich einig, die Palliativmedizin zu stärken, eine aktive Sterbehilfe aber nicht zu erlauben. „Wir wollen nicht die Profis für den Tod sein“, sagte Timmer. Die bestehende Rechtslage reiche aus. Als Arzt sei er nicht zur Lebenserhaltung unter allen Umständen verpflichtet, zitierte er die Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung. Wenn sich Angehörige und Ärzte für die Palliativmedizin entscheiden, stehe nicht die Lebensverlängerung im Vordergrund, sondern die bestmögliche Lebensqualität der verbleibenden Zeit.
„Der Tod macht uns machtlos, weil wir ihn nicht besiegen können. Darum tun wir uns mit dem Übergang vom Leben in den Tod so schwer“, sagte Daffner. Er forderte, die letzte Lebensphase anzunehmen: „Das Hineinbegleiten in das Leben akzeptieren wir, nicht so das Begleiten beim Hinausgehen.“

Ein klares Nein zur Sterbehilfe formulierten die evangelische Pfarrerin Nina Lubomierski und der Rottenburger Gemeindereferent der katholischen Kirche, Robert Lentner. „Unser christliches Menschenbild sagt, dass wir alle einmalige, kostbare und wertvolle Menschen sind, egal gesund oder krank“, meinte Lentner. Der Mensch sei ein „genialer Gedanke Gottes“. Es liege weder in seiner Macht zu entscheiden, wann er auf die Welt kommt, noch, wann er geht.
Als Altenheimseelsorgerin der Christuskirche Landshut begegnet Lubomierski dem Sterbewunsch oft. Es sei nichts Verwerfliches, „lebenssatt“ zu sein. Leider müssen viele Menschen in dieser Phase ihres Lebens mit Einsamkeit und Schmerzen zurechtkommen. Sie forderte, die Palliativstationen und Hospize auszubauen und zu stärken: „Damit jeder Mensch getröstet sterben kann.“
Diese Forderung unterstützte Müller, die Mitglied im Pflegeausschuss des Landtags ist. Das einzige Hospiz in Niederbayern sei in Vilsbiburg. Die vorhandenen zehn Plätze seien zu wenig.

Obwohl er sich vorstellen könne, im hohen Alter auch „lebenssatt“ zu werden, sprach sich Werner Ehlen, Vorsitzender des Hospizvereins Landshut gegen die gesetzliche Freigabe der Sterbehilfe aus. Sollte sie erlaubt werden, fürchtete er einen „Dammbruch“: „Es wird zur Norm, dass das Leben im Alter nichts Wünschenswertes ist.“

„Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland nicht erlaubt“, erklärte Anwalt Armin Reiseck, der auf den rechtlichen Aspekt einging. Er riet den Zuhörern, eine Patientenverfügung zu erlassen. In dieser legt der Patient fest, welche medizinische Behandlung er in Situationen wünscht, wenn er selber sich nicht mehr mitteilen kann. „Damit nehmen Sie Ihren Angehörigen und dem Arzt eine furchtbar schwierige Entscheidung ab“, führte Reiseck aus.

Im Anschluss an die Diskussion bestand die Möglichkeit, sich in lockerer Runde mit den Referenten und Landtagsabgeordneten auszutauschen. Dabei kam die Forderung auf, die Betreuung in den Heimen und die Beratung durch die Ärzte zu intensivieren. Auch über die Schuldfrage bei der aktiven Sterbehilfe oder bei der Beihilfe zum Selbstmord wurde diskutiert.

Text: Judith Heinrich, Rottenburger Anzeiger
Homepage Ruth Müller