SPD Adlkofen

„Fragende werden, nicht Jammernde bleiben“

Veröffentlicht am 03.05.2013 in Soziales

Verena Bentele, Ismail Ertug, MdEP und Ralph Zimmerhansl diskutierten bei „Power trotz Handicap“ die themen Inklusion und Barrierefreiheit

Der Verein „Power trotz Handicap“ (PtH) mit seinem Vorsitzenden Jürgen Benzinger konnte gestern bei seinem Wanderstammtisch im Flugplatzrestaurant Wallmühle zum Thema Inklusion und Barrierefreiheit prominente Gäste begrüßen. Der Europaabgeordnete Ismail Ertug (SPD) und die Ude- Beraterin für Sport und Inklusion, Verena Bentele, diskutierten mit Ralph Zimmerhansl, Mitglied im Straubinger Behindertenbeirat, sowie den Anwesenden Vereinsmitgliedern und Zuhörern. Moderiert wurde der sehr informative und kurzweilige Abend vom Journalisten Johann Haas (regio- aktuell24.de). Von lokalen Problemen bis hin zur EU- Gesetzgebung deckten die Podiumsteilnehmer alle relevanten Themen ab und die beiden SPD- Politiker ließen keinen Zweifel daran, dass die Sozialdemokraten die richtigen Antworten zum Thema Inklusion anbieten können. Verena Bentele, mehrfache Weltmeisterin und Paralympic- Siegerin erklärte das so: „Die SPD macht sich z.B. Gedanken, wie kommt Verena Bentele nach Straubing, wo braucht sie persönliche Unterstützung, welche Themen müssen für sie barrierefrei aufgearbeitet und dargestellt werden!“

„Wir als Verein und Interessensvertretung müssen der Politik eine Plattform bieten – nur so können wir parteiübergreifend in den nötigen Gedankenaustausch eintreten und unsere Anliegen darstellen“, so Jürgen Benzinger zu Beginn der Diskussion. Johann Haas führte mit kurzen Worten in das Thema Inklusion ein und richtete die erste Frage an Ismail Ertug, MdEP, den er kurz den Zuhörern vorstellte. Ertug, seit 2009 für die SPD im Europa- Parlament beschäftigt sich dort überwiegend mit den Themen Verkehr und Tourismus, stellte klar, dass Mobilität für alle Menschen ein zentraler Ansatz der EU- Politik sei, sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialpolitischer Hinsicht. Leider gebe es, so Ertug auf Nachfrage des Moderators, keine verlässlichen Vergleichsstudien innerhalb der EU um eine Bewertung der einzelnen Mitgliedsstaaten in Sachen Barrierefreiheit zu bewerten, aber er erhoffe sich von einer aktuell Untersuchung belastbare Zahlen.

Inklusion auf Augenhöhe
„Es ist sicherlich nicht mein ‚Bambi’, der Christian Ude veranlasst hat, mich als seine Beraterin in Sachen Sport und Inklusion einzustellen“, erklärte Verena Bentele, die sich in der Vorstellung nicht auf die „sehr erfolgreiche und blinde Sportlerin“ reduzieren lassen wollte. Selbstbewusst erzählte sie, dass sie Christian Ude bei der Bundespräsidentenwahl und der Bewerbung zu den Olympischen Winterspielen kennen gelernt habe – und er sie als selbstbewusste und kompetente junge Frau sehr schätze, die der Politik eine andere Perspektive auf Themen wie Schul- und Breitensport, Menschen Mit Behinderung und Inklusion bieten könne. Sie habe das sehr beeindruckt, dass der SPD- Spitzenkandidat sich zu den gesellschaftlich wichtigen Themen „Berater mit Innenansicht“ suchte, und unterstütze ihn deshalb im Landtagswahlkampf mit aller – offen gezeigter – Leidenschaft. Bentele erzählte über ihre Kindheit und Jugend mit dem Erlebnis eines „normalen Kindergartens“, dem Leben in einem Internat, wo sich behinderte Kinder in einem „geschützten Raum“ entwickeln konnten und, wie in ihrem Fall, sportlich optimal gefördert werden. Sie berichtete aber auch über den „krassen Bruch“, als sie nach 13 Jahren an eine „normale Uni“ wechselte, wo sich niemand über die Sorgen und Bedürfnisse einer blinden Studentin Gedanken machte. Viele Kommilitonen mit Behinderung schafften diesen Sprung nicht, gingen zurück in die geschützte Einrichtung und lernten einen Beruf. Verena Bentele biss sich durch, gewann an Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit, war erfolgreich im Sport und steht nun mit 31 Jahren, nach dem Ende ihrer Karriere, mitten im Beruf. Sie forderte eine Inklusion auf Augenhöhe, mit dem gegenseitigen Blick auf die Bedürfnisse und Probleme des anderen. In deisem Sinne erteilte sie auch der Anregung, die Olympischen Spiele und die Paralymics baldmöglichst zusammen zu legen. „Das wäre übereilt. Zuerst heißt es, auf unterer Ebene gemeinsam fördern, gemeinsam trainieren und Meisterschaften auf regionaler und Landesebene gemeinsam auszuführen. Erst dann kann man internationale Wettbewerbe ins Auge fassen. Ein großes Ziel wäre es, wenn z.B. behinderte Wintersportler dem Skisportverband zugeordnet würden und nicht dem Behindertensportverband“. Bentele erklärte aber auch gleich, dass sie nicht der Abschaffung bestehender Institutionen das Wort rede, sondern Kompetenzen und Vernetzungen unter einem neuen Aspekten fordere.

Bedürfnisse selbstbewusst formulieren und Lösungen beantragen

Der durch einen Unfall mit 27 Jahren erblindete Ralph Zimmerhansl, berichtete über sein „neues Leben“ in Straubing, Ängste und Rückschläge am Anfang, dann mit neuem Mut und der Hilfe seines Blindenführhundes zurück in die Gesellschaft. Zimmerhansl sprach über Umschulung und Erwerbsunfähigkeit sowie sein Engagement im Straubinger Behindertenbeirat. Er erzählte von seinem Glück, dass die Berufsgenossenschaft ihm einen Blindenführhund und sonstige weitreichende Hilfen zukommen lies – im Gegensatz zu gesetzlich Versicherten, die – wenn überhaupt – erst nach Widerspruch Hilfsmittel, auf die sie einen Rechtsanspruch haben, zugestanden bekommen. Ismail Ertug ergänzte den Themenblock „Blinden- bzw. Servicehund“ um die unterschiedlichen Auslegungen in den 27 Mitgliedsstaaten der EU und den Schwierigkeiten hier einheitliche Regeln durchzusetzen. Verena Bentele erinnerte, dass selbst die 16 deutschen Bundesländer es nicht zu Wege brächten, einheitliche Ampelsignalanlagen geregelt zu bekommen. Sie lobte Zimmerhansls Engagement im Behindertenbeirat und forderte alle Anwesenden auf, ihre Bedürfnisse selbstbewusst zu formulieren und Lösungen zu beantragen: „Es liegt in Ihrer Verantwortung sich einzubringen, sich zu engagieren. Die BayernSPD fordert die Betroffenen dazu auf, nehmen Sie dieses Angebot an!“

Das ‚gute Gewissen’ der SPD
Neben der Problematik und dem europäischen vergleich der Barrierefreiheit in Sportstätten, die aufgrund der frühen Baujahre oft zu wünschen übrig ließen, kamen auch die Arbeitsmöglichkeiten für Behinderte zur Sprache. Verena Bentele forderte neue Berufsabschlüsse, an die Fähigkeiten von Behinderten angepasst, und gezielte Hilfestellungen. Der Sport könne hier eine Beschleunigungsfunktion haben, so Bentele. „Es geht hier wie dort um die Fragen, was kann man gemeinsam machen, wo gibt es Berührungspunkte? – Wir müssen Fragende werden, nicht Jammernde bleiben.“ Ihr sei klar, dass Inklusion Geld kostet, und plädiere deshalb vor allem bei Neubau- und Sanierungsmaßnahmen zu gezielten Investitionen, da sei sie mit der SPD einig. „Man darf nicht zu viel versprechen, wenn man es nachher nicht halten kann. Aber die Politik braucht eine neue Perspektive – ich will dabei das ‚gute Gewissen’ der SPD sein! Die Bürger_innen müssen der SPD dazu nur die Chance geben. Die anderen waren lange genug an der Macht und getan haben sie nichts!“

Die Frage an Ismail Ertug, ob sich das Europaparlament auch noch um etwas anderes kümmere als um Finanzkrisen und Rettungsschirme, erntete heftigen Widerspruch. „Es wäre schön, wenn sich das EU- Parlament als ‚Bürger_innenkammer’ um de Finanzkrise kümmern könnte. Dem ist keinesfalls so!“ Allein die Regierungschefs würden hier egoistisch entscheiden und seien verantwortlich für den Einbruch der Wirtschaft, in dem sie allein auf Sparen setzten. Viele soziale Ansätze würden im Parlament diskutiert und vorbereitet, so z,B, die Fahrgastrechteverordnung, die die Möglichkeit zu Fernbusreisen auch für Behinderte garantieren soll, so Ertug weiter.

So vielfältig und ausgewogen wie die Statements der Podiumsteilnehmer, waren auch die Fragen der Zuhörer. Probleme bei der Inklusion für Ämter, Lehrer und Eltern kamen zur Sprache, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten, wie Betroffene sich selber und ihre Erfahrungen einbringen können – allen voran in der Kommunalpolitik. „Nur wenn hier Menschen mitarbeiten, die selber betroffen sind, kann eine Kommune von ihren Erfahrungen profitieren, gab die Landshuter Kreisvorsitzende der SPD, Ruth Müller, zu bedenken. Abschließend gab Ralph Zimmerhansl dem anwesenden Stadtrat Peter Stranninger mit auf den Weg, sich für zwei Signalanlagen an der Landshuter Straße einzusetzen, denn die finanziellen Mittel, die die Stadt für solche Maßnahmen einstelle, reichten bei weitem nicht aus. Stranninger versprach, auch im Sinne der Schulwegsicherheit, „am Ball zu bleiben“!

Homepage Ruth Müller