
Informationsveranstaltung der Landtags-SPD in der Stadthalle: Ein starkes Land braucht starke
Frauen
Pfarrkirchen. War früher wirklich alles besser? Ganz sicher nicht für die Frauen – darin waren sich beim frauenpolitischen Empfang der SPD in der Stadthalle die Besucherinnen und auch die vereinzelten männlichen Gäste einig. Bis heute habe sich die im Grundgesetz festgeschriebene Gleichberechtigung in vielen Bereichen in keiner Weise durchgesetzt.
„Starke Frauen – starkes Land“, so lautete das Motto des Abends, zu dem die SPD-Landtagsfraktion eingeladen hatte. Repräsentiert wurde sie gleichberechtigt: Die Abgeordnete Ruth Müller, frauenpolitische
Sprecherin der Fraktion, kam aus dem Landkreis Landshut angereist, ihr Kollege Bernhard Roos aus
dem Kreis Passau, von dem aus er für Rottal-Inn als Betreuungsabgeordneter tätig ist.
Roos: Ein Frauentag im Jahr reicht nicht Die Veranstaltung fand im Nachgang zum Internationalen Frauentag statt, der am 8. März weltweit in den Kalendern steht. Für Roos steht allerdings fest: „Eigentlich müsste jeder Tag ein Frauentag sein.“ Denn solange man gleichwertige Bezahlung für Männer und Frauen ständig einfordern müsse, solange es immer noch schwierig sei für Frauen, Beruf und Kinderbetreuung zuverlässig unter einen Hut zu bringen und so lange es in Führungspositionen immer noch zu wenige Frauen gäbe, sei
man von Gleichberechtigung und Gleichstellung noch zu weit entfernt, um sie nur an einem Tag im Jahr zum
Thema zu machen.
„Frauen brauchen nicht mehr Chancen, sie brauchen ganz einfach die gleichen Chancen wie die Männer“, forderte Roos. Er warnte davor, in alte Zeiten zurückzufallen: „Wenn in Amerika ein Präsident gewählt wird, obwohl er durch frauenverachtende Sprüche auffällt, und wenn in Russland ein Präsident an der Macht ist, der die Strafandrohung für Gewalt in der Ehe drastisch nach unten geschraubt hat, dann sollte das zu denken geben“.
Verdi-Gewerkschaftssekretärin Monika Linsmeier aus Passau beklagte, dass es für berufstätige Frauen immer noch schwierig sei, allen Anforderungen gerecht zu werden, vor allem, weil ihre Arbeit oft nicht als gleichwertig anerkannt werde. „Die ist ja eh‘ nur in Teilzeit da“, mit dieser Begründung würden Rechte oder Frauen die Stellung als vollwertiger Teil der Belegschaft abgesprochen. Dabei, so Linsmeier, werde oft nicht gesehen, was Frauen leisten: Beruf, Kinderbetreuung, Fahrdienst für Schule und Sport, Haushalt. Besonders
schlimm stehe es um die Möglichkeiten der Weiterbildung in Betrieben. „So lange sich da nichts ändert, werden an der Kasse der Supermärkte immer schlecht bezahlte Frauen sitzen, der Marktleiter ist aber fast immer ein Mann“.
Hosenverbot für Frauen im Bundestag Diese Themen griff auch Hauptrednerin Ruth Müller auf. Die Abgeordnete erinnerte, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ nur deshalb im Grundgesetz stehe, weil sich die einzige Frau in der Versammlung zur Formulierung des Grundgesetzes durchgesetzt habe. „Seit fast 100 Jahren dürfen Frauen in politische Ämter gewählt werden, aber leider sind heute in den meisten politischen Gremien die Politikerinnen in der Minderheit“, hielt sie fest. Frauen hätten sich vieles erkämpfen müssen: Erst 1953 sei der „Gehorsamsparagraf“ abgeschafft worden, der Männern die letzte Entscheidung in allen ehelichen Fragen zubilligte, und erst 1958 das Recht des Ehemannes, den Arbeitsplatz der Frau zu kündigen. Und noch in den 70er Jahren wäre es Frauen verboten gewesen, im Bundestag Hosen zu tragen: „Was würde Angela Merkel da nur gemacht haben“, schmunzelte die Abgeordnete.
Doch dann wurde es wieder ernst. Frauen würden sich in der Politik um Themen kümmern, „die von Männern
nicht so ernstgenommen werden“, so Müller. Als Beispiele nannte sie Öffnungszeiten von Kindergärten, Ferienbetreuung, Angebote der Nahversorgung und ÖPNV. „Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass die Männer das schon richten, wir Frauen müssen selbst für unsere Interessen einstehen.“
Ein weiterer Punkt, der für verärgerte Gesichter sorgte, war der Blick auf die Rentenstatistik. Im Landkreis Rottal-Inn betrage die Rente einer Frau im Durchschnitt 450 bis 500 Euro. Ruth Müller hatte diese Situation in einer Anfrage an Bayerns Sozialministerin Emilia Müller geschildert und eine Antwort bekommen, „bei der ich erst einmal fassungslos war“, wie sie schilderte: „Die Ministerin hat erklärt, das sei nicht so gravierend,
weil die meisten Frauen ja verheiratet wären und, weil ihre Lebenserwartung höher ist, später auch einmal Witwenrente beziehen“. So eine Antwort mache deutlich, dass es in Sachen Gleichberechtigung noch viel zu tun gäbe. – hl
Passauer Neue Presse, 01.04.2017