Landshuter Zeitung vom 3. 10.2018 - Bild und Text Horst MüllerSchulmuseum erhält Zeugnisse des Münchner Oberbürgermeisters Georg Kronawitter
Die Ahnengalerie im Schulmuseum Ahrain, das im laufenden Schuljahr den 10 000. Besucher erwartet, ist um eine Attraktion reicher: In die von Museumsgründer Dr. Wilhelm Eggert-Vockerodt initiierte und weit und breit einmalige Sammlung von Schulzeugnissen berühmter bayerischer Politiker reiht sich nunmehr auch der „rote Schorsch“ ein, wie der legendäre Münchner Oberbürgermeister Georg Kronawitter (1928 - 2016) zu Lebzeiten genannt wurde. Die Witwe des populären SPD-Politikers, der vom Olympiajahr 1972 bis 1978 sowie von 1984 bis 1993 die Landeshauptstadt „regierte“, hatte sich dieser Tage in Begleitung ihrer Parteifreundin Ruth Müller auf den Weg gemacht, um dem Schulmuseum eine ganze Tasche voll mit zeitgenössischen Dokumenten und persönlichen Erinnerungsstücken aus dem Nachlass ihres Mannes zur Verfügung zu stellen.
Und die anfängliche Skepsis vor der Landpartie nach Niederbayern schlug bei Dr. Hildegard Kronawitter schlagartig in helle Begeisterung um: „Das ist eine Wahnsinnsarbeit, die Sie hier leisten. Ich habe nicht damit gerechnet, dass das so eindrucksvoll ist. Das ist ein Erlebnis für jeden, der hier gewesen ist“, versicherte sie bei ihrem Rundgang. Das Lob fürs Ahrainer Schulmuseum und seine Macher und Mitstreiter kam in ihrem Fall aus berufenem Munde, denn die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete amtiert schon seit vielen Jahren als Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, die sich der Erinnerung an die gleichnamige Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl verschrieben hat und zu diesem Zweck ebenfalls einen Lern- und Erinnerungsort unterhält: die „Denkstätte“ im Lichthof der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Deshalb war sie auch von dem interaktiven Konzept des Schulmuseums mit seinen Mitmachstationen mehr als angetan: „Nur durch die unmittelbare Vermittlung können sich Kinder heutzutage eine Vorstellung davon machen, wie es vor 30, 70 oder 100 Jahren in der Schule zugegangen ist. Ich bin wirklich sehr begeistert.“
Nicht minder gefreut über den Besuch aus München haben sich auch die beiden Vorsitzenden des Fördervereins, die ihren Gast durch das erweiterte Schulmuseum führten, dem erst kürzlich aufgrund eines Gutachtens der Regierung von Niederbayern über die vorhandene Infrastruktur und der Entscheidung des Essenbacher Bürgermeisters ein weiterer Raum zugewiesen worden sei, ohne das schulische Leben einzuengen. „Sie können sicher sein, dass wir dies stets in einem würdigen Rahmen ausstellen werden“, bekräftigten Dr. Wilhelm Eggert-Vockerodt und Eva-Maria Laske, denn Kronawitters Mitbringsel sind echte Schätze und Raritäten, bringen sie doch bislang unbekannte Talente und Vorlieben des volksnahen Sozialdemokraten zum Vorschein, der in jungen Jahren gerne gezeichnet und gedichtet hat. Vor allem aber zeigen sie den steinigen Weg eines bildungshungrigen Bauernsohnes auf, der nach dem Besuch der Volksschule und der landwirtschaftlichen Berufsschule im Jahr 1944 eine Ausbildung als Volksschullehrer begann, die durch die Einberufung zum Arbeitsdienst im Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde und erst 1946 fortgesetzt werden konnte, nachdem er sich zwischenzeitlich als Hilfsarbeiter durchschlagen musste. 1952 holte er das Abitur nach, studierte in München Wirtschaftswissenschaften, Pädagogik und Soziologie und legte 1956 das Staatsexamen als Diplomhandelslehrer ab. Ohne sein Durchsetzungsvermögen und die Unterstützung seiner Eltern hätte er es aber kaum so weit gebracht. So wurde sein Vater 1944 vom Leiter der Lehrerbildungsanstalt Pasing angeschrieben, dass er unverzüglich 18 Reichsmark zahlen müsse, weil sein Sohn sonst nicht länger bleiben könne. Als der junge Kronawitter dann nach Kriegsende die Lehrerausbildung fortsetzen konnte, musste er unbedingt noch vor der Währungsreform zum Abschluss kommen, da ihm sein Vater zu verstehen gab: „Solange wir noch das alte Geld haben, können wir es schaffen.“ Georg Kronawitter konnte zwei Klassen überspringen und die sechsjährige Ausbildung in nur vier Jahren absolvieren. In seinem Abschlusszeugnis wurde ihm als Klassensprecher bescheinigt, dass er allen schönen und guten Dingen zugetan sei und „die größten Hoffnungen“ auf dem Lehrer Georg Kronawitter ruhen würden. Und der junge Pädagoge scheint seiner Zeit weit vorausgewesen zu sein, wie die von seiner Witwe ausfindig gemachten Unterlagen beweisen: Denn neben der kirchlichen Lehrbefugnis „Missio canonica“, die man dem „roten Schorsch“ auch nicht auf Anhieb zugetraut hätte, befindet sich in seinem Nachlass ein ganzer Stapel von „Zeugnissen“ in Kinderschrift: Anfang der 1950er Jahre sollte seine Klasse auf der Schwanthaler Höhe am Ende des Schuljahres auch ihn beurteilen. Bei den Kindern kam er gut an, denn er sei „immer gerecht gewesen“ und habe „gute Noten gegeben“.
Bildunterschrift: Eva-Maria Laske, Ruth Müller und Dr. Wilhelm Eggert-Vockerodt bestaunten die Schätze, die das Schulmuseum von Georg Kronawitters Witwe erhalten hat.