SPD Adlkofen

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Veröffentlicht am 19.05.2015 in Wahlkreis

Projekttag „Perspektivwechsel“ – Behinderung verstehen, Inklusion fördern

Pfeffenhausen. „Du Spast“, hört man als beliebtes Schimpfwort, das Jugendliche oft in ihrer Auseinandersetzung gebrauchen. Der Projekttag der Grund- und Mittelschule Pfeffenhausen sollte zu einem „Perspektivwechsel“ in den Köpfen der Schüler führen. Sie informierten sich in Workshops über das Leben von Menschen mit Behinderung. Berührungsängste wurden abgebaut und sie wurden für Verständnis und Akzeptanz sensibilisiert. Den Auftakt übernahmen die „Musikalischen Grundschulen“, die Grundschule Pfeffenhausen und die Grundschule Karl Heiß aus Landshut.

Als Marina Spindler, Mitarbeiterin des Münchner Vereins „Gemeinsam Mensch“, den Schülern der Klassen R5 bis R7 die sechs – teilweise im Rollstuhl sitzenden – körperbehinderten Workshopleiter vorstellte, war bereits auf den ersten Blick ein naturbedingter Unterschied des Körpers und der Sprache zwischen den Schülern und den Besuchern deutlich geworden. Ganz ruhig wurde es in der alten Aula, als Spindler den im Rollstuhl sitzenden und an den Folgen einer infantilen Zerepalparese (urkindliche Gehirnschädigung) leidenden Christoph Konner (Nachnamen der körperbehinderten Personen von der Redaktion geändert, weil es vom Verein „Gemeinsam Mensch“ nicht gewünscht war, diese zu nennen) – unter anderem mit den Worten „ Hey, du Spast“ – vorstellte. Seine Reaktion darauf war ein herzhaftes Lachen. Spindler erklärte sein Lachen damit, dass Spastik im übertragenen Sinne „erhöhter Muskelkrampf“ bedeute. So wurde deutlich, warum Christoph herzhaft lachen musste, denn er wurde mit „Hey, du erhöhter Muskelkrampf“ angesprochen. Fast alle Kinder gaben per Handzeichen zu, schon mal mit dem Wort „Spast“ als Schimpfwort in Berührung gekommen zu sein. Spindler machte den Kindern anschaulich, dass es sich bei diesem Wort um gar kein Schimpfwort handele und sie sich spätestens jetzt ein neues aussuchen müssten.

Schüler und Gäste begrüßten sich persönlich, sie schüttelten sich die Hände. Dabei richteten die Schüler ihr Augenmerk auf den Unterschied zu einem gewöhnlichen Händeschütteln. Sie fassten die Unterschiede in der Fehlstellung der Hände zusammen, bemerkten dass die Hände sich viel weicher anfühlten und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren. Suzan Seiler erklärte den Jugendlichen, dass sie sich ihre Spastik so vorstellen müssten, als würden sie den ganzen Tag Hochleistungssport betreiben und mit Muskelkater herumlaufen. Konner führte weiter aus, dass man wissen müsse, dass bei ihnen alles verlangsamt ankäme und er deswegen auch im Reagieren länger brauche, wenn man etwas zu ihm sage. Dennoch führen alle trotz ihrer Körperbehinderung ein „ganz normales“ Leben. Jeder habe seine Hobbys, wie die Pfeffenhausener Schüler auch. Deniz Deliaz spiele gerne trotz seines Rollstuhles Basketball, Hakan Hasil spielt gern mit der Playstation, Tanja Torsch wies sich als echtes „Girl“ aus, weil sie gern „shoppen“ geht und telefoniert und als Christoph Konner sich als FC Bayern-Fan bezeichnete und von regelmäßigen Stadionbesuchen berichtete, jubelten die Schüler vor Begeisterung.

Nach der Kennenlernrunde sollten sich alle in den Workshops bald wiedertreffen. Deniz Deliaz spielte mit den Kindern in der Turnhalle im Rollstuhl Basketball, Tanja Torsch und Suzan Seiler eröffneten ihre Welt des Fühlens und des Greifens, Marion Möller führte an ihrer Station als Sehbehinderte ein Stück weit in ihren Alltag und mit Christoph Konner wurde ein Gesprächskreis geführt (siehe untenstehende Artikel zu den Workshops).

Mit „Wir feiern ein Fest der Freude“ erklang der Gesang der 4a aus der Mehrzweckhalle der Schule. Mit der „Musikalischen Grundschule“ leisteten die Grundschüler aus Pfeffenhausen und Landshut ihren Beitrag zum Projekttag. Rektorin Gabriele Lechner betonte, wie wichtig Musik und Lieder im Schulalltag seien. Gerade vor dem Hintergrund des Leistungsdruckes und der Wettbewerbssituation müsse als weitere Komponente das Miteinander gestärkt werden. Bürgermeister Scharf zeigte sich stolz, in Pfeffenhausen eine Schule zu wissen, die sich immer wieder um solche für die Gesellschaft und Prägung der Kinder wichtiger Themen bemüht (Auszeichnung Schule ohne Rassismus), und nicht deswegen, weil der Gesetzgeber es vorgibt.

Schulamtsdirektor Franz Karpfinger sagte: „Die Schulen brauchen mehr Musik in mehr Fächern mit mehr Lehrern für noch mehr Freude“. Eingebettet von einer musikalischen Oldtimerralley und dem klangvollen Besuch eines „damischen Bauernhofes“, unterstrich die Schulleiterin der Grundschule Karl-Heiß aus Landshut, dass der Mensch sich gerade durch Musik ausdrückt. Jede Kultur dieser Welt bediene sich der Melodien, um Stimmungen oder Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Musik sei zielführend, um sich darin zu üben, sein Gegenüber besser wahrzunehmen und sei deshalb auch hilfreich, um der Ausgrenzung behinderter Menschen entgegenzuwirken.

Die Stationen des Projekttages:

Station Rollstuhlbasketball: Deniz Deliaz erklärte die Spielregeln: „Ihr legt den Ball auf euren Schoß. Nachdem ihr den Rollstuhl zweimal angeschoben habt, müsst ihr wieder dribbeln“. Die Rollstühle waren mit einem Kippschutz versehen, so dass jeder durchaus vollen Einsatz leisten konnte, um Verwertbares für sein Team zu erlangen. Anfangs glich die Situation in der Turnhalle einem Verkehrschaos, – wie früh morgens auf der B15 vor Landshut – gewann aber zunehmend an System und Struktur. Deniz Deliaz war den Schülern im Umgang mit dem Rollstuhl überlegen und im „Körbewerfen“ weitaus geübter. Als dann seinem Teamkollegen, Lukas Faltermeier aus der Klasse R6, ebenfalls ein spektakulärer Wurf gelang, machte er mit seinem Rollstuhl einen „wheely“ und beide klatschten sich ab, als wären sie jahrelang Teamkollegen.

Rollstuhlparcour: Beim Anblick der aufgebauten Hindernisse und des Parcours war die Vorfreude der Schüler groß. Nach kurzer Einweisung in den Rollstuhl mussten die Schüler – ohne diesen zu verlassen – sämtliche Hindernisse überwinden. Alles andere als barrierefreies Gelände stand ihnen bevor und musste gemeistert werden. Was dies konkret bedeutete, konnte man schnell sehen. Ob beim Öffnen von Türen, beim Überwinden von Kanten und Wippen oder bei unterschiedlichem Bodenbelag, jedesmal bemerkte man die Konzentration und Anstrengung in den Gesichtern der Schüler. Auch wenn man in einer schmalen Gasse die Spur zu halten hatte, spielte einem der Rollstuhl oft einen Streich. Der ein oder andere war ganz froh, wenn ein Begleiter als Unterstützer zur Seite stand, um so das Hinderniss besser bewältigen zu können.

Greifen und Bewegung: Die Schüler sollten bei dieser Station annähernd einen Eindruck gewinnen, was es bedeutet, mit einer Spastik leben zu müssen. Suzan Seiler und Tanja Torsch ließen die Schüler einen Apfel schälen. Dies sollte aber mit einem Handschuh – an Daumen und Mittelfinger zusammengenäht – und einem strammen Gummiband, das einen Widerstand in der Bewegung der Arme simulieren sollte, geschehen. Die Schüler hatten so ihre Mühe, dem ein oder anderen fiel der Apfel sogar runter. Damit offenbarte sich schon das nächste Problem: einfach aufstehen und aufheben wäre zu einfach. Die Schüler durften den Apfel nur mit einer Greifzange aufheben. Für einen Apfelkuchen, für den man normalerweise eine Stunde benötige, brauchen Suzan Seiler und Tanja Torsch ungefähr vier Stunden. Trotzdem haben beide große Freude am Backen.

Gesprächskreis: Christoph Koller ist zu früh geboren worden. Sauerstoffmangel führte zu einer Gehirnschädigung. Sein Körper zeigt die typischen Anzeichen einer Spastik, seine Aussprache ist langsam und undeutlich. Christoph Koller saß in seinem Rollstuhl und lächelte die Schüler an. Sie staunten nicht schlecht, als er ihnen verriet, dass er sich total gerne mit anderen unterhalte und er am liebsten in der Disco tanze. Wie das dann genau aussehe, wollten die Schüler wissen, die sich das erstmal wenig vorstellen konnten. Konner schaltete die Warnblinklichter seines Rollstuhls ein, lachte und meinte das wäre seine Discobeleuchtung. Dann forderte er die Assistentin der Gruppe zum Tanz auf (siehe Foto). Auf die Frage, was er sich für seine Zukunft wünscht, antwortete er: „ Dass ihr uns alle normal behandelt, wie ihr euch auch gegenseitig behandelt“.

Sehbehinderung: Vor der blinden Marion Möller lagen einige Hilfsmittel, auf die sie im Alltag angewiesen ist. Sie griff nach der Blindenschrift und erklärte dabei, wie diese funktionierte. Die Schüler waren an der Lebensweise von Möller interessiert, so fragten sie, wie sie jeden Tag die Wahl der Kleidung treffen könne, ohne diese zu sehen. In diesem Zusammenhang stellte Möller den Kindern ein zwar teures aber notwendiges Gerät vor, das Mittels eines Sensors und eines Sprachprogrammes, Farbe und Muster von Kleidungsstücken verrät. Im praktischen Teil machten die Schüler die Erfahrung, wie schwer es ist, wenn man nichts mehr sieht und sich mit einem Blindenstock fortbewegen muss. „Es kommt auch vor, dass jemand mal über den Stock stolpert, das ist dann besonders unangenehm“, sagte Möller.

Text: Landshuter Zeitung, 16. Mai 2015

Homepage Ruth Müller