
Bürgermeister Jürgen Fundke: "Luft wird immer dünner" – Parlamentarier nehmen die Sorgen mit
Seinen ersten Beitrag zu "Urlaub dahoam" hat der SPD-Landtagsabgeordnete Christian Flisek schon geleistet. Er hat die Nacht im Quellness- und Golfhotel Maximilian verbracht. "Bestens ausgeruht" hält er am Dienstag mit zwei weiteren
SPD-Parlamentarierinnen dort ein Arbeitsfrühstück ab. Sie wollen erfahren, wo Bad Griesbach, Bad Birnbach und Bad Füssing wegen der Corona-Krise der Schuh drückt. Er drückt gewaltig, das steht fest. Aber den Kopf in den Sand stecken will keiner. "Das Glas sehe ich halb voll und nicht halb leer", "in jeder Krise liegt eine Chance", "wir hatten schon schlechtere Zeiten", hört man allenthalben.
Bad Griesbach
"Es war schon schlimmer. Es kann nur bergauf gehen." Das sagt Irene Mayer-Jobst, die Regionaldirektorin im Quellness Golf Resort. Schlimmer – damit meint sie: Die Flagschiffe, das Maximilian, der Fürstenhof und das Ludwig, hatten monatelang zu. Das Fünf-Sterne-Hotel Maximilian hatte 99 Tage geschlossen, der Fürstenhof über 70 Tage. "Das Ludwig sperren wir heuer gar nicht mehr auf." Gäbe es die Kurzarbeit nicht, hätte man 90 Mitarbeiter spontan entlassen müssen. "Wir haben 50000 Übernachtungen verloren. Jedes Bett, das nicht gefüllt ist, kann man später nicht doppelt verkaufen." Tagungsgäste gibt es heuer nicht. Fast verwundert berichtet sie, dass der Juli "nicht schlecht" gewesen sei. "In Niederbayern ist nicht schlecht ja schon sehr gut." Letzteres sagt sie mit einem bitteren Beigeschmack. Die Sicherheit der Gäste habe oberste Priorität, betont sie. "Wir wollen hier keine traurige Berühmtheit erlangen, weil wir wegen Corona nochmal zusperren müssten. Denn dann ist klar: Wir würden nicht mehr aufsperren." Der Satz wirkt nach. Dennoch, fügt sie hinzu, sehe sie die Zukunft "nicht dunkelschwarz". Dass die Wohlfühl-Therme vor allem deswegen aufgesperrt hat, um dem Kurort wirtschaftlich auf die Beine zu helfen, erklärt ihr Werkleiter Franz Altmannsperger. Denn Gäste buchen hauptsächlich nur dann, wenn sie auch in die Therme können. "Wirtschaftlich gesehen hätten wir geschlossen bleiben müssen", stellt er klar. Betriebswirtschaftlich sei das Öffnen eine "unsinnige Entscheidung" gewesen. Die Therme habe wenig Eintritte, damit wenig Einnahmen, aber laufend hohe Kosten.
Trotzdem: "Jede Krise hat ihre Chance. Wir müssen es schaffen, den gesunden Aufenthalt zu vermarkten. Die Marke ‘Urlaub dahoam‘ müssen wir jetzt fest etablieren."
Bad Griesbachs Bürgermeister Jürgen Fundke appelliert an die Politik: "Ich erwarte mir viel mehr Unterstützung, hier geht es um die Förderung eines wichtigen Wirtschaftszweigs in der Region." Seiner Meinung nach ist in den letzten Wochen und Monaten bei vielen Hoteliers "die Luft dünn geworden, bei einigen hat es die Luft schon abgeschnürt".
Bad Füssing
Spannend nennt Bad Füssings Bürgermeister Tobias Kurz seinen Amtsantritt. Wichtige Baumaßnahmen sind gestoppt worden, sie liegen vorerst auf Eis. Im ersten Halbjahr verzeichnet sein Kurort einen Rückgang bei den Übernachtungen von 62,2 Prozent. Positiv stimmten ihn die Zahlen vom Juli – "da liegt das Minus bei 38,5 Prozent". Besser, immerhin. Bad Füssing tue sein Möglichstes, um den Gästen Sicherheit zu vermitteln. "Aber ihnen fehlt noch das Erlebnis-Gesamtpaket." Daran müsse weiter gearbeitet werden. Um die Liquidität der Kommunen zu erhalten, habe man beim Freistaat den Antrag gestellt, dass die fehlenden Einnahmen aus den Kur- und Gästebeiträgen ausgeglichen werden. Bad Füssing nimmt acht Millionen Euro im Jahr durch den Kur- und Gästebeitrag ein. Im Vergleich dazu nähmen sich die Einnahmen aus der Gewerbesteuer mit 2,5 Millionen Euro fast gering aus.
"Hier muss was passieren", fordert auch Rudolf Weinberger, Geschäftsführer des Bayerischen Heilbäder-Verbands. Grundsätzlich positiv sehe Weinberger, dass die Nachfrage bei den Gästen wieder steige, "aber sie sind vorsichtig". Umso wichtiger sei es, dass sich die Kurorte auf ihre Kernkompetenz besinnen: "Wir können Gesundheit! Wir müssen die Gesundheit in den Vordergrund stellen. Gerade jetzt." Daher könne er auch zuversichtlich in die Zukunft blicken. Zwei Forderungen an die Politik hat Weinberger:
1. Die Krankenkassen sollten verpflichtet werden, dass sie bestimmte Leistungen auch wieder zu zahlen haben. 2. Wenn ein Ort Kurort ist, müsste es klar sein, dass das Vorhalten bestimmter Leistungen für den Fremdenverkehr als Pflichtleistungen definiert werden und somit auch die Schlüsselzuweisungen höher ausfallen. "Damit wäre uns sehr geholfen."
Bad Birnbach
Als Optimist gibt sich Viktor Gröll, Kurdirektor von Bad Birnbach. "Ich sehe das Glas halb voll und nicht halb leer." Dabei helfen ihm die jüngsten Übernachtungszahlen. "Wir sind im Juli vergleichsweise gut aus der Krise gekommen. Das Vorjahresniveau haben wir um fünf Prozent verfehlt." Gut gelaufen sei es im Bereich Camping, bei den Ferienwohnungen ("die
hätten wir gleich doppelt vermieten können") und bei den Pensionen. Bei den Hotels seien die Gäste hingegen zögerlich. Bad Birnbachs Bürgermeisterin Dagmar Feicht pocht ebenfalls wie ihre Amtskollegen auf einen Ausgleich der riesigen Einnahmelöcher, die durch die fehlenden Kur- und Fremdenverkehrsbeiträge gerissen worden sind. "Davon leben wir. Das trifft uns, wenn die wegbrechen. Gleichzeitig müssen wir die Golfplätze und Kurparks erhalten. Ich wünsche mir, dass man hier nicht mehr von freiwilligen Leistungen, sondern von Pflichtleistungen der Kommunen spricht." Und noch einen Wunsch hat sie: "Ich hoffe, dass uns der Sommer wohlgesonnen ist, dass wir nicht erneut schließen müssen. Denn das würde das Sterben von vielen bedeuten."
Das würde helfen
Die SPD-Parlamentarier versprechen, als Multiplikatoren zu fungieren. "Wir werden die Marke ‘Urlaub dahoam‘ unterstützen", sagt die Landtagsabgeordnete Ruth Müller aus dem Landkreis Landshut, "wir werden dafür werben, wie nah und gesund man sich vor Ort erholen kann". Gleichzeitig versprach man, die Prävention zu stärken. "Die Menschen sollen
immer länger arbeiten. Es kann nicht sein, dass die Kur vom Individuum allein getragen wird. Es ist im Interesse der Solidargemeinschaft, ihren Beitrag dafür zu leisten, dass die Arbeitskraft jedes einzelnen möglichst lange erhalten bleibt", erklärt der Landtagsabgeordnete Christian Flisek. In diesem Zusammenhang fordert der Geschäftsführer des Bayerischen Heilbäder-Verbands, Rudolf Weinberger: "Die betriebliche Gesundheitsvorsorge muss besser strukturiert werden." Nur Salate zusätzlich in der Mittagskantine anzubieten, sei zu wenig. Kaum zu glauben, dass am Ende die Arbeitsrunde noch zu Scherzen aufgelegt ist. Weinberger hätte da noch eine Idee: "Wenn wieder einmal 500 Euro für unsere Corona-Helden extra bezahlt werden, sollte festgelegt werden, dass ein bestimmter Betrag davon in die Kurgebiete in Niederbayern investiert werden soll!" Da muss nicht nur Flisek spontan lachen. "Mit dieser Forderung ist ihnen die Mehrheit im deutschen Bundestag sicher", meint er ironisch.
Text: Karin Seidl, PNP