Landtagsabgeordnete Ruth Müller mit Landwirtschaftsausschuss unterwegs in Russland
Im März war Landwirtschaftsminister Helmut Brunner im Gebiet Woronesch (Russische Föderation) zu Gast, um über die weitere Zusammenarbeit im Bereich der Landwirtschaft zu beraten. In einer gemeinsamen Absichtserklärung wurden verschiedene Punkte festgehalten, wie etwa in der Tierzucht und im Pflanzenbau, in der landwirtschaftlichen beruflichen Bildung oder bei der Entwicklung ländlicher Gebiete. Diese Absichtserklärung nahm der Landwirtschaftsausschuss des Bayerischen Landtags, dem auch die Pfeffenhausener SPD-Abgeordnete Ruth Müller angehört, zum Anlass, bei einem dreitägigen Besuch in Moskau und Woronesch Informationen über die Landwirtschaft in Russland zu erhalten.
Die erste Überraschung erlebten die bayerischen Landtagsabgeordneten bereits beim Besuch des russischen Föderationsrats in Moskau, an dem auch Vertreter der Staatsduma und des Landwirtschaftsministeriums teilnahmen, denn 2017 wurde das „Jahr der Ökologie“ in Russland ausgerufen. Es soll ein etappenweiser Übergang Russlands zu einer nachhaltigen Entwicklung stattfinden, erläuterte Senator Michail Shetinin, der Vorsitzende im Agrarausschuss des Föderationsrates. Hierzu zähle die Reduzierung des Schadstoffausstoßes, eine bessere Müllentsorgung und -verwertung, mehr Energie-Effizienz und eine Stärkung der ländlichen Entwicklung. Zudem wolle man die Entwicklung der Biolandwirtschaft stärken. Hier sehe man sowohl soziale, ökologische, aber auch ökonomische Vorteile, wenn beispielsweise durch nachhaltige Wirtschaftsweise das Lebensumfeld verbessert oder die Gesundheit der Bevölkerung steige. Zudem seien Biolebensmittel eines der am stärksten wachsenden Segmente auf dem Weltmarkt, und da Russland auf acht Prozent der gesamten Fläche Landwirtschaft betreibt, werde es aufgrund seiner Größe langfristig eine wichtige Rolle in der Welternährung spielen müssen.
Know-how und Qualität aus Deutschland
Beinahe gleichzeitig zum Besuch der bayerischen Delegation startete in St. Petersburg der achte ökologische Kongress Russlands. Der ökologische Landbau in Russland steckt noch in den Kinderschuhen, aber die Flächen nehmen zu. Deshalb habe man ein großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit Bayern, um die Ausbildung zu verbessern und aus der langjährigen Erfahrung zu lernen, versicherte Senator Sergeij Beloussow, der stellvertretende Vorsitzende des Agrarausschusses im Föderationsrat. Rund 5 000 deutsche Unternehmen sind in Russland aktiv, die einen Umsatz von rund 50 Milliarden US-Dollar erwirtschaften. Zwei Betriebsbesuche standen auf dem Programm des Landwirtschaftsausschusses: Die Firma „Hochland“ produziert neben den beiden Standorten in Deutschland auch in Frankreich, Spanien, Polen, Rumänien und eben an zwei Standorten in Russland Scheibletten-Käse, Streichkäse und Frischkäse. Bis 1998 habe man nach Russland verkauft, sei dann aber zu dem Entschluss gekommen, vor Ort zu produzieren. Rund 35 Millionen Euro habe man in den Standort nahe Moskau investiert, die bürokratischen Herausforderungen seien schwierig gewesen, erläuterte Betriebsleiter Ulrich Marchner, der im Übrigen der einzige Deutsche im Betrieb ist.
Die Folgen des Embargos für die Landwirtschaft
„Wir versorgen uns mit einem Blockheizkraftwerk selbst mit Strom, haben einen Brunnen geschlagen und eine Kläranlage gebaut und so die nötige Infrastruktur selbst geschaffen.“ Rund 900 Mitarbeiter sind in den beiden russischen Werken beschäftigt und schätzen mittlerweile auch die betrieblichen Leistungen wie Betriebsrente, eine verbesserte medizinische Versicherung, den Werksverkehr oder ein Kantinenessen. Dafür gibt es aber bei Hochland auch nur ein komplett „weißes Gehalt“, erfuhren die Abgeordneten, das durchschnittlich 60 000 Rubel im Monat betrage (100 Rubel = 1,58 Euro). In Russland sei es häufig üblich, dass die Angestellten ein „graues“ Gehalt erhalten, das sich aus dem offiziellen Gehalt, auf das Sozialabgaben gezahlt werden müssen, und einem „schwarzen“ Gehalt zusammensetze. Ein Problem sei die schlechte Berufsausbildung, das duale System fehle. Durch das Embargo für landwirtschaftliche Erzeugnisse habe man nicht genug eigene Milch im Land. Deshalb werde zum einen Milch aus Weißrussland importiert, aber andererseits auch die Milchviehhaltung aufgestockt. Die russische Milch kostet derzeit rund 0,40 Euro pro Liter. Da man vor allem bei der Käseproduktion viel Milch benötige, würden in Russland immer wieder Lebensmittel „gepanscht“, um die Qualität zu umgehen und die Kosten zu senken. Milchfett werde durch Pflanzenfett ersetzt, als „Käseherstellung“ deklariert und nach mehrfachem Umverpacken wieder zu Käse. „Wir setzen auf Qualität“, so der Betriebsleiter. Das deutsche Unternehmen sei für die Verbraucher sozusagen das Qualitätsversprechen, das es einzulösen gelte. Ähnlich äußerte sich der Geschäftsführer der Molkerei Ehrmann, die gleich in der Nachbarschaft von Hochland Joghurts, Cremespeisen und Milchdrinks produziert. 20 Prozent der Milch mussten nach dem Embargo ersetzt werden, wodurch die Preise für Milchprodukte gestiegen seien.
Milchproduktion wird in Russland ausgebaut
In den besten Milchvieh-Regionen Woronesch, Kasan und Krasnojarsk planen deshalb derzeit ausländische Investoren. So sei beispielsweise durch einen thailändischen Investor eine Aufstockung um rund 65 000 Milchkühe geplant. Ein vietnamesischer Investor verfolge ähnliche Ziele mit einem Investitionsvolumen von rund 700 Millionen US-Dollar. Das Werk von Ehrmann wurde im Jahr 2000 erbaut und produziert derzeit rund 175 000 Tonnen Milchprodukte jährlich. Die Milch kommt von zwölf Lieferanten, wobei der größte Lieferant 50 Tonnen Milch am Tag anliefere. Einen der großen Lieferbetriebe besuchten die Gäste aus Bayern am dritten Tag in der Region Woronesch, den deutschen Unternehmer Stefan Dürr, der aus dem Odenwald stammt. Schon der Gouverneur des Oblast Woronesch, Alexey Gordeew war beim Besuch der Reisegruppe in der Oblastverwaltung voll des Lobes über den landwirtschaftlichen Betrieb Dürrs. Er erinnerte daran, dass bereits vor 250 Jahren die Deutschen bei der Besiedlung Russlands viel Wissen über Landwirtschaft, Tabakanbau und Tierzucht mitgebracht hätten. Durch den Zweiten Weltkrieg und die daraus folgenden Umsiedlungen und Vertreibungen sei viel Wissen verlorengegangen. „Diese Wissenslücke schließt seit einigen Jahren Stefan Dürr“, so Gordeew, der von 1999 bis 2009 auch Landwirtschaftsminister Russlands war.
Landwirtschaft in anderen Dimensionen
Aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach Milch werden neue Ställe gebaut und Arbeitsplätze vor Ort geschaffen. „Die Sanktionen schaden allen, und wir wünschen uns eine Rückkehr zur Normalität“, machten die Vertreter der Regierung deutlich. Großes Interesse an einer Zusammenarbeit in der landwirtschaftlichen Ausbildung äußerten auch die Rektoren der St. Peter-Universität in Woronesch, die 15 000 Studenten beheimatet und mit Triesdorf und Weihenstephan zusammenarbeitet. In seinen landwirtschaftlichen Milcherzeugungsbetrieben in der Region Woronesch hält Stefan Dürr insgesamt 20 000 Milchkühe. Am Besichtigungsstandort werden 2 800 Kühe bei einer Betriebsgröße von 115 000 Hektar gehalten, die durchschnittlich 31 Liter Milch pro Tag produzieren. Die betriebseigene „kleine“ Molkerei verarbeitet täglich 30 Tonnen Milch, die Produkte werden hauptsächlich in den umliegenden Dörfern verkauft. 2 300 Arbeitsplätze seien dadurch in der Region entstanden, erläuterte Dürr, der bei der Ausstattung seiner Betriebe mit den bayerischen Firmen Stallbau Wolf und Fliegel Landmaschinen zusammenarbeitet. Weitere Standorte befinden sich beispielsweise in Nowosibirsk (44 000 Hektar und 16 000 Kühe) oder im Oblast Kaluga mit 20 000 Hektar Land und 18 000 Kühen. Das Futter wird komplett selbst angebaut, man setze auf Luzerne und Mais als Hauptfutter. Ein Problem sei die niedrige Niederschlagsmenge mit lediglich 500 Millilitern. Das Melkkarussell bietet Platz für 72 Kühe und läuft rund um die Uhr und wird von fünf Kräften bedient. Der Lohnanteil an der Milch beträgt 1,5 Rubel pro Liter, erfuhren die Besucher, die mit dem Bus durch die 300 Meter langen Kuhställe gefahren wurden, bevor es durch die endlosen Weiten Russlands zu den Mutterkühen ging, die sommers wie winters auf der Weide gehalten werden. „Wir finden in Russland eine völlig andere Landwirtschaft vor, als wir sie bei uns in Bayern kennen“, so Ruth Müller. Die großen zusammenhängenden Flächen und vor allem die geschichtlichen Hintergründe mit Staatsbetrieben hätten zu dieser Form der Landwirtschaft geführt. Umso bemerkenswerter sei es, dass sich Russland für einen Weg hin zu einer ökologischen Landwirtschaft interessiere. Und dass die Bedeutung der Lebensqualität ländlicher Räume in den Blick der verantwortlichen Politiker rücke, sei ein Zeichen, dass der Trend zur Globalisierung und Urbanisierung auch eine positive Gegenbewegung auslöse.
Bildunterschrift: Ruth Müller zu Besuch bei dem aus dem Odenwald stammenden Unternehmer Stefan Dürr, der in der Region Woronesch insgesamt 20 000 Milchkühe hält.