SPD diskutiert mit Straubinger Bürgern über Sterbehilfe
Im Herbst entscheidet der Bundestag darüber, ob und wie die Sterbehilfe in Deutschland gesetzlich geregelt wird. Parteiübergreifend sind Gesetzesvorschläge vorgelegt worden, die von einer völligen Liberalisierung bis hin zum totalen Verbot auch der heute erlaubten Hilfeleistungen für Todkranke reichen.
Im Herbst entscheidet der Bundestag darüber, ob und wie die Sterbehilfe in Deutschland gesetzlich geregelt wird. Parteiübergreifend sind Gesetzesvorschläge vorgelegt worden, die von einer völligen Liberalisierung bis hin zum totalen Verbot auch der heute erlaubten Hilfeleistungen für Todkranke reichen.
Pünktlich zur ersten Anhörung im Bundestag ging es darum auch bei der Veranstaltung „Welchen Wert hat Leben“ in Straubing um Fragen wie: Was bedeutet Sterben in Würde? Was brauchen Menschen am Ende ihres Lebens wirklich? Was ist mit den Angehörigen und den zahlreichen ehrenamtlichen, die sich in Hospiz- und Palliativangeboten engagieren? Die Landtagsabgeordnete Ruth Müller hatte dazu Diana Stachowitz, MdL, kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag, eingeladen.
Gemeinsam mit regionalen Vertretern aus Kirche, Hospiz und Medizin diskutieren die Besucher im Straubinger Café Fratelli über verschiedene Wege der Sterbebegleitung und über die Gesetzesentwürfe.

MdL Ruth Müller las nach der Begrüßung der Gäste aus Martina Rosenbergs Buch „Mutter, wann stirbst du endlich?“, welches eindrucksvoll auch den Leidensdruck, nicht nur der sterbenden Person, sondern auch der Angehörigen schildert. Nach dieser Einführung ins Thema legte Pfarrerin Erna Meiser von der Versöhnungskirche Straubing ihre Sicht zum Thema Sterbehilfe dar: „Es gibt für alles eine Zeit, für das Leben, aber auch für das Sterben“. Daher möchte sie gerne den palliativen und seelsorgerischen Bereich optimiert sehen und im Einzelfall abwägen, was die beste Lösung im Einzelfall wäre, denn „das Leben mit allen Mitteln zu verlängern ist auch nicht der richtige Weg.

Frater Thomas Vath von den Barmherzigen Brüdern, ehemals Pfleger und nun Seelsorger im Krankenhaus legt den Fokus bezüglich einer gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe auf die Frage: Was ist wichtiger? Die Autonomie des Menschen oder der Schutz des Lebens? Nach der Auffassung der Kirche liegt die Antwort auf der Hand. Das Leben als fundamentales Gut hat den Vorrang, da es ohne Leben auch keine Autonomie geben kann. Der Debatte, ob man den Ärzten als Berufsgruppe gesetzlich die alleinige Verantwortung für assistierten Suizid „aufs Auge drücken sollte“, sieht er kontrovers. „Wichtig ist, dass das Leben und Sterben ein Gutes ist“, daher sieht er bei einer erweiterten Legalisierung der Sterbehilfe die Gefahr, dass sich todkranke Menschen dem gesellschaftlichen Druck beugen, da ein schneller Tod weniger kostet als ein langer Sterbeprozess mit Betreuung und Medikamenten. Frater Thomas spricht sich daher vehement für ein Verbot von gewerbsmäßiger Assistenz zum Suizid aus, damit aus dem Sterben kein Geschäft werde. Damit unterstützt er den von den MdLs Müller und Stachowitz favorisierten Entwurf der Bundestagsabgeordneten Kerstin Griese u.a. MdL Diana Stachowitz fügt hinzu, dass eine „Straffreiheit für die aktive Beihilfe zum Suizid nicht nur vor dem Hintergrund der Deutschen Geschichte und der Euthanasieprogramme unmöglich“ wäre.

„Sterbehilfe kann nicht heißen, Menschen dabei zu helfen, schneller zu sterben. Sterbehilfe bedeutet, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, ihnen die Schmerzen zu nehmen und vor allem die Einsamkeit“, so Stachotwitz weiter. Diese Aussage findet sich auch in den Ausführungen Dr. Jürgen Rampmaiers wieder, Chefarzt der Akut- und Rehageriatrie der Rottal-Inn-Kliniken. Viele Patienten und deren Angehörige würden laut Rampmaier zumindest temporär depressiv und verzweifelt angesichts ihrer Lage. Hier helfe jedoch in vielen Fällen die richtige Weiterversorgung und Behandlung um neue Hoffnung zu schöpfen. Für eine Linderung der Schmerzen würde auf dem letzten Weg auch eine lebensverkürzende Medikation in Kauf genommen werden – „das Leben verlängern, ja; das Sterben verlängern, nein!“ so Dr. Rampmeiers Schlusswort.

Um Depressionen und Einsamkeit entgegen zu wirken, engagieren sich in Bayern über 6000 ehrenamtliche Hospizhelfer, davon auch zahlreiche im Franziskus Hospizverein Straubing. Das wichtigste Gut, welches die Sterbebegleiter mitbringen, ist laut dem Vorsitzenden des Hospizvereins, Kurt Leipold, Zeit. Zeit, für den Sterbenden da zu sein, ihm beizustehen. Zeit, die das Pflegepersonal in Kliniken und Heimen oft nicht hat. „Warum wollen Menschen sterben? Oft, weil sie alleine sind, niemanden haben“, so Leipold. Derzeit gibt es in Bayern insgesamt nur 170 Hospizbetten. In Niederbayern gibt es derzeit lediglich im Landkreis Landshut ein Hospiz mit 10 Betten, ein weiteres soll in diesem Jahr im Landkreis Deggendorf entstehen, berichtet MdL Ruth Müller. Die SPD-Abgeordneten fordern daher einen zügigen und bedarfsgerechten Ausbau von Hospizen und palliativmedizinischen Angeboten – als Grundlage jeglicher weiterer gesetzlicher Regelungen. Dazu soll eine umfassende kostenlose Beratung für Menschen am Lebensende und ihre Angehörigen schon vor dem Eintritt in die letzte Lebensphase angeboten werden. Wenn eine angemessene Begleitung der Sterbenden sichergestellt sei, schwinde nämlich bei den meisten Patienten auch der Todeswunsch, so Stachowitz.

Im Anschluss an die Diskussion hatten die Gäste noch Gelegenheit, an Stehtischen persönlich mit den Referenten zu sprechen. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine themenbezogene Bücherausstellung der Buchhandlung Winklmeier aus Bogen.
Der Bundestag wird sich ab dem 21. September mit dem Thema befassen.