SPD Adlkofen

Immer noch keine Gleichberechtigung

Veröffentlicht am 21.03.2018 in Landespolitik

Bild und Text: Landshuter Zeitung vom 20.3.18 - Marianne Schmid

Bildungsoffensive und Chancengleichheit waren Themen beim SPD-Frauenempfang

Rottenburg: „100 Jahre Freistaat Bayern“ und „100 Jahre Frauenwahlrecht“ hätten einiges gebracht, „trotzdem fällt die Bilanz durchaus ernüchternd aus“, sagte Landtagsabgeordnete Ruth Müller beim SPD-Frauenempfang im Bürgersaal. Es sei noch viel „Luft nach oben“, deshalb müssten Frauen sich engagieren, wenn sie etwas verändern wollten. Zum Thema „Starke Frauen braucht das Land“ hatte Müller, die auch frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion ist, die Landesvorsitzende der Bayern SPD, Natascha Kohnen, eingeladen. Kohnen war erst am Samstag zuvor zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl gekürt worden.

Die Politikerinnen betonten, dass mit Kurt Eisner ein Sozialdemokrat am 7. November 1918 den Freistaat
ausgerufen habe. Damit einher ging das allgemeine Wahlrecht. Tapfere Vorreiterinnen hatten für die Rechte
von Frauen gekämpft. Zum ersten Mal durften Frauen bei der Bayerischen Landtagswahl am 12. Januar 1919 an die Wahlurnen. Die Sozialdemokraten hätten sich immer für Chancengleichheit eingesetzt. Müller und Kohnen machten das in einem Zweiergespräch deutlich.


„Es war ein weiter Weg, alles sei hart erkämpft gewesen“, sagte Müller, und sah darin auch eine Verantwortung der jüngeren Generation. Diese sei gefordert, weil noch nicht alles erreicht sei und die Gleichberechtigung immer noch nicht in der Wirklichkeit angekommen sei. Welche Frau würde im Jahr 2018 ein Gesetz akzeptieren, das ihr das Arbeiten ohne Zustimmung ihres Ehemanns verbietet? Erst seit 1997 sei die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Eine Kuriosität sei, dass bis 1978 weibliche Lehrlinge nicht in technische Berufe durften.

Müller stellte an Kohnen auch die Frage, ob in der beruflichen Situation alles erreicht sei, zum Beispiel bei der Bezahlung? Frauen müssten ihre Forderungen zum Verdienst auch vorbringen, meinte Kohnen. Bei Führungspositionen bestehe Zurückhaltung, obwohl Unternehmen, die von Männern und Frauen geführt würden, nachweislich mehr Umsatz machen. „Es wird noch ein verdammt langer Weg sein, bis wir nicht mehr über Gleichstellung reden müssen“, fügte Kohnen hinzu. Sie sieht durchaus einen Sinn in der Teilzeitarbeit – aber für beide Geschlechter und nur, wenn die Möglichkeit, in Vollzeit zurückkehren, gegeben sei. Eine flächendeckende Kinderbetreuung wäre die Lösung. Bezirkstags-Kandidatin Christine Erbinger fügte an, dass es immer Frauen seien, die Arbeit für weniger Lohn machten. Es sei daher wichtig, dafür mehr Wertschätzung aufzubringen und zu prüfen, ob das System so noch passe, wenn zum Beispiel der Kfz-Mechaniker mehr verdiene als der Erzieher oder die Pflegekraft. Sie appellierte an die Frauen, politisch aktiv zu werden und dem eigenen Geschlecht die richtige Politik zuzutrauen.


Bildung sei Gold wert, müsste aber kostenfrei sein, fordert die SPD-Landesvorsitzende. Sie sprach die „Versuchskiste G 8“ an, man habe den Jugendlichen damit viel zugemutet, es gab viele Studienabbrecher. Zur Erziehungsarbeit sagte Kohnen, dass Erzieher großes leisten würden, Horizonte eröffneten und Startchancen in frühkindlicher Bildung geben. Sie verlangt eine Bildungsoffensive, „dann kann keine Maschine den Menschen ersetzen“. Dieser zentrale Punkt aus den 70er Jahren sei ihrer Meinung nach etwas ins Abseits geraten.


„Der Staat hat etwas hier nicht verstanden“, kritisiert sie. „Die SPD plädiert für Ganztagsschulen, da muss der Staat investieren und bei einem Rechtsanspruch auch die Fachkräfte bezahlen. Der Staat würde dagegen die Verantwortung in den Bereich des Ehrenamtes verschieben. Erst durch die Flüchtlinge wurde deutlich, dass  as Zurückfahren hier keine gute Idee war. Sozial-und Bildungsaufgaben müssten wieder Staatsaufgaben werden, es sei genauso kein guter Plan, wenn der Markt die Wasser- oder Stromversorgung übernehmen würde.


Seit 2013 stünde die Umsetzung der gleichwertigen Lebensverhältnisse in Bayern an, weil es Unterschiede
innerhalb der Regionen gebe. Die SPD-Landtagsfraktion hat eine Kommission auf den Weg gebracht. Zweifellos sei das Internet eine Demokratisierung von Bildung und Chancengleichheit für junge Leute. Die skandinavische Gemeinschaftsschule würde die SPD gerne als Modell einführen. Der Kultusminister verteidigt das dreigliedrige Schulsystem. Wenn der ländliche Raum aber nur noch eine Schulart bekommen kann, sei das ihrer Meinung nach ungerecht.


Die Politikerinnen, übrigens beide zusammen so alt wie der Freistaat, sprachen auch über die Entflechtung
der Gesellschaft wegen einer verfehlten Wohnungspolitik, die soziale Frage der nächsten Jahrzehnte. Wenn Menschen keine Wohnung mehr finden, würden sie ihre Heimat verlassen. Sie sprach die „Opernwohnungen“ in München an, eine Situation, die schon fast pervers sei.


Zum abschließenden Wunsch für die Zukunft von Müller hatte Kohnen zwei Antworten: Zum einen nannte sie die Umstellung der Mobilität und als zweites den Klimaschutz. „Die nächsten Flüchtlinge werden Klimaflüchtlinge sein, wenn wir nicht einsehen, dass Wohlstand nicht nur uns zusteht“, warnte sie.


Im Anschluss unterhielt die Kabarettistin Michaela Dietl mit „Liedern und Geschichten“ nicht zuletzt um die „MeToo“-Diskussion.

 

 

 

Bildunterschrift: Frauenempfang der SPD-Landtagsfraktion mit Bezirkstags-Kandidatin Christine Erbinger, Natascha Kohnen, Hopfenkönigin Theresa Zieglmeier, Kreisrat Sebastian Hutzenthaler, Ortsvorsitzende Angelika Wimmer, stellvertretende Landrätin Christel Engelhard und Ruth Müller.

Homepage Ruth Müller