Süddeutsche Zeitung vom 28. Oktober. Text: SARAH KANNINGDie Arbeit in Bayerns Kitas ist weiterhin eine Frauendomäne - das geht aus einer Antwort des Sozialministeriums hervor
München- Der Erzieherberuf ist in Bayern noch immer eine Frauendomäne: In Kindertagesstätten ist nur jeder vierzigste Erzieher männlich —97,5 Prozent der Erzieher sind Frauen. In Grundschulen steigt der Anteil der männlichen Lehrer auf 8,8 Prozent, an den Haupt- und Mittelschulen sind immerhin 38,4 Prozent der Lehrer männlich. Das geht aus der Antwort der Sozialministeriums auf eine Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Ruth Müller hervor, die sich nach „Männern als (berufliches) Vorbild" erkundigte.
Die Zahlen seien für sie „nicht überraschend, aber erschreckend' sagt Müller. Sie hatte den Status Quo und die Absichten des Freistaats erfragt, weil in drei Wochen der internationale Männertag stattfindet. „Da wollten wir dafür werben, dass Männer auch mal einen anderen Beruf ergreifen könnten", sagt Müller, die für die SPD im Gesundheitsausschuss sitzt. Momentan merke man an der großen Diskrepanz ganz deutlich, „dass Männer ihre Berufswahl auch auf Grund er erwarteten Bezahlung treffen“. Viele Eltern, so ihre Erfahrung, rieten den Söhnen von einer Arbeit im Sozialsektor ab, weil sie mit derartig niedrigen Löhnen später einmal keine Familie ernähren könnten - bei ihren Töchtern hätten sie kein Problem damit. „Das ist der falsche Ansatz", sagt Müller. „Der Dreh- und Angelpunkt ist das Geld - da muss der Freistaat schleunigst handeln.“
Immer wieder zeigen Studien, wie wichtig es vor allem für Jungen ist, auch von Männern betreut zu werden. „Die gehen anders an Dinge ran, sprechen anders, sind anders im Umgang“, sagt Müller.
Die Staatsregierung habe das Problem noch nicht erkannt, sagt die SPD
Die Antwort des Ministeriums überrascht daher etwas: Es sei zu pauschal, zu sagen, dass Männer in Einrichtungen zur Kindererziehung und -betreuung fehlten, heißt es dort, „da der gesellschaftliche Wandel bezüglich der Geschlechterrollen komplexer ist und es kein eindeutiges Männerbild gibt". Die hohe Frauenquote in Bildungs- und Erziehungsberufen müsse nicht notwendigerweise negative Folgen haben, „wenn gendersensibel erzogen und unterrichtet wird". Und: „Frauen neigen dazu, in Gegenwart von Männern ihr Verhalten zu verändern und gegebenenfalls geschlechterstereotyp zu (re)agieren.“
„Das finde ich unsäglich“, sagt Müller. „Frauen auf ein Frauenbild zu reduzieren, dass sie Kaffeekochen gehen, nur weil Männer mit am Tisch sitzen.“ Man dürfe die Frauen da nicht für dumm verkaufen.
Zwar schreibt das Ministerium, dass es wünschenswert wäre, Männer in Kitas und Schulen zu beschäftigen, und zählt einige Initiativen auf, wie die Kampagne „Herzwerker", mit denen vor allem junge Männer für soziale Berufe gewonnen werden sollen. „Aber aus der Antwort ist rauszulesen, dass die Staatsregierung noch nicht einmal erkannt hat, dass es ein Problem gibt", sagt Ruth Müller, gerade vor dem Hintergrund der hohen Zahl alleinerziehender Frauen im Freistaat kommt männlichen Erziehern große Bedeutung zu. Inzwischen ist jeder sechste Haushalt mit Kindern unter 18 Jahren in Bayern (17,1 Prozent) ein Haushalt eines Alleinerziehenden - in neun von zehn Fällen einer Frau. Bei der Koordinationsstelle für „Mehr Männer in Kitas" gingen bislang 3000 Anfragen von Männern zu einem möglichen Quereinstieg als Erzieher ein - darunter aber nur knapp 200 aus Bayern.