Umwelt-Staatssekretär Florian Pronold zu Besuch in der Klimakommune Vilsbiburg
Vilsbiburg. Die Stadt Vilsbiburg sei in Niederbayern ein Musterbeispiel bei der praktischen Umsetzung der Energiewende, stellte Florian Pronold, parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, am Montag bei seinem Besuch in der Stadt fest. Der SPD-Politiker verfolgt die Initiativen der Stadt mit Interesse und wollte sich nun vor Ort informieren. Bürgermeister Helmut Haider, Zweiter Bürgermeister Hans Sarcher und der Leiter der Stadtwerke, Wolfgang Schmid, stellten den Besuchern das Konzept der Klimakommune vor.
Begonnen hatte alles mit einer lokalen Klimaschutz-Konferenz im Jahr 2009. Am Ende des intensiven Austauschs zwischen Bürgern, Bürgerinitiativen und dem Stadtrat stand ein Konzept mit 28 Punkten sowie das Ziel, bis zum Jahr 2035 wenigstens beim Strom energieautark zu sein und diesen zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen zu erzeugen. Damit diese Ziele tatsächlich umgesetzt werden, stellte die Stadt 2011 einen Klimaschutz-Manager ein, dessen Arbeit zunächst für drei Jahre vom Bund gefördert wurde. Mittlerweile sei die Stelle fest in der Stadtverwaltung integriert.
In den vergangenen Jahren sei viel passiert. Mittlerweile werden etwa zwei Drittel des in Vilsbiburg verbrauchten Stroms regional erzeugt, etwa die Hälfte davon von den Stadtwerken selbst. Einen Anteil von 10 Prozent am Gesamtstrombedarf haben eine Bürger-Solarfreiland-Anlage sowie ein Solarpark auf den großen Dächern. Private PV-Dachanlagen tragen weitere 22 Prozent bei.
Das Thema Biogas-Anlagen sei in Vilsbiburg ausgereizt, sagte Haider. Die zur Verfügung stehenden Anbauflächen reichten gerade so für die sieben privat betriebenen Anlagen, die ein weiteres Drittel des Gesamtstrombedarfs abdecken. Die Nachfrage Pronolds, ob auch die Abwärme genutzt werde, verneinte Haider: Die Anlagen seien zu weit von der Kernstadt entfernt, um die Wärme wirtschaftlich sinnvoll nutzen zu können. Einige Bemühungen, das trotzdem zu versuchen, hätten sich nicht gerechnet.
Ein positives Beispiel, wie man die Abwärme bei der Stromerzeugung effektiv nutzt, besichtigten die Besucher im Keller der Ballsporthalle. Dort stehen zwei gasbetriebene Stromaggregate, die immer dann anlaufen, wenn zum Beispiel der Strom aus den regenerativen Quellen nicht so stark fließt. Mit der Abwärme werden mehrere Sporthallen, zwei Schulen, zwei Kindertageseinrichtungen, die Wohnanlage „Alter Bauhof“ und demnächst auch noch das Feuerwehrhaus beheizt. Mit Hilfe von großen Pufferspeichern lässt sich überschüssige Wärme zwischenspeichern, weshalb Stadtwerkechef Schmid von einem Nutzungsgrad um die 90 Prozent ausgeht.
Das Windrad und der Wespenbussard
Nicht unerwähnt ließ Schmid die unendliche Geschichte um das geplante Windrad am Zeilinger Berg. Die Anlage stünde im Versorgungsgebiet der Stadtwerke und könnte den regenerativ erzeugten Strom direkt ins Netz einspeisen. Nachdem die Anlage zunächst von der Bundeswehr torpediert wurde, verhindert nach der Lösung dieses „Problems“ ein Zugvogel, der Wespenbussard, die Genehmigung. Als die Stadt in diesem Sommer ein neues Gutachten anfertigen wollte, ob der Bussard inzwischen weitergezogen sei, habe das Landratsamt abgewunken: Festgestellt sei festgestellt. Als Kompromiss sei vorgeschlagen worden, das Windrad zu bestimmten Zeiten abzuschalten. „Das wäre rund ein Viertel der Laufzeit gewesen“, sagte Schmid, „damit würde sich die Anlage nicht mehr rentieren.“
Florian Pronold wunderte sich, wie man in Bayern die Energiewende ohne Windkraft schaffen wollte, die ja mit der 10-H-Abstandsregelung geradezu abgewürgt worden sei: „Das war die dümmste Entscheidung der CSU überhaupt.“ Zwar ist die Anlage auf dem Zeilinger Berg aufgrund ihrer langen Vorlaufzeit nicht von 10-H betroffen, aber auch sie könnte dazu beitragen, den Strom vor Ort zu erzeugen. „Mit einer dezentralen Energieerzeugung wären natürlich weniger Stromleitungen nötig“, sagte Pronold, stellte aber resignierend fest, dass hier das Sankt-Florians-Prinzip stark verbreitet sei: „Egal um welche Lösung es auch geht: Wenn es jemand direkt betrifft, ist er dagegen.“
Chancen auf mehr Akzeptanz sieht Pronold darin, wenn die Anlagen Bürgergesellschaften oder kommunalen Energieversorgern gehörten. Dies konnten auch die Vilsbiburger bestätigen, die in der Bevölkerung eine breite Zustimmung zur geplanten Anlage auf dem Zeilinger Berg sehen.
Pronold stellte am Ende seines Besuchs fest, dass die Energiewende nur dann gelingen könne, wenn sich die Kommunen vor Ort – so wie die Stadt Vilsbiburg – aktiv des Themas annehmen und die Bürgerschaft mit ins Boot holen: „Nur dann geht es“. Gleiches gelte für die Energieeinsparverordnung (EnEV) für die Wärmedämmung beim Bau: Auch hier müsse man mit Augenmaß vorgehen und nicht mit letzter Konsequenz rein technische Werte fordern, die unter dem Strich mehr Bürger abschrecken, als dass sie wärmetechnisch noch viel bewirken: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Leute vorschreiben lassen, dass sie ihre Fenster nicht mehr zum Lüften öffnen dürfen“, sagte Pronold. Aus diesem Grund ist er ein Fan davon, bei Neubauten aus Energieform und Wärmedämmung einen Wert zu machen: „Wer zum Beispiel regenerativ heizt, muss bei der Dämmung nicht mehr so streng sein.“
Energiegenossenschaften als Verlierer
Zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sagte der Staatssekretär, dass bei aller positiven Wirkung des Gesetzes jetzt Folgen abgeschafft werden müssten, die sich als gesellschaftlich nicht vernünftig herausgestellt hätten. Seine Gesprächspartner wiesen aber darauf hin, dass seine These, dass die Energiewende stärker auf dezentrale Energieerzeugung gestützt werden müsste, derzeit nicht funktioniere: Regionale Bürgerenergiegenossenschaften hätten aufgrund der strengen Auflagen mittlerweile bei Ausschreibungen keine Chance mehr. Da sie auch auf keine große Kapitaldecke zurückgreifen könnten, sei dieses Engagement zu riskant.
Dies bestätigte auch Andreas Engl, der Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft für Energie in Bayern eG. Engl hat seine Solaranlage mit Unterstützung der Stadt Vilsbiburg nach dem „Weinberg-Prinzip“ aufgebaut. Zwischen den Paneelen wachsen heimische Pflanzen, brüten seltene Vögel und leben unzählige Insekten. Pronold hatte sich bei seinem neuerlichen Besuch überzeugen können, dass das Prinzip voll aufgegangen ist.
Text: Georg Soller, Vilsbiburger Zeitung