MdL Isabell Zacharias informiert sich gemeinsam mit Ruth Müller, MdL über den innovativen Studiengang Gebärdensprachdolmetschen an der HAW Landshut
„An der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut steht interdisziplinäres, lebenslanges Lernen im Fokus“ erklärt der Präsident der Hochschule, Prof. Dr. Karl Stoffel, gleich zu Beginn des Gespräches. Getreu diesem Leitsatz informieren sich die kulturpolitische Sprecherin der BayernSPD-Landtagsfraktion, MdL Isabell Zacharias, die Pfeffenhausener Abgeordnete Ruth Müller, sowie die beiden Vorstandsdamen des SPD-Stadtverbandes Landshut, Patricia Steinberger und Anja König, an diesem Tag über einen besonders innovativen Studiengang: Den Bachelor Gebärdensprachdolmetschen. Die Studienfachberaterin Prof. Dr. phil Uta Benner und Prof. Sabine Fries stehen den Politikerinnen Rede und Antwort.
HAW Landshut: innovativ und interdisziplinär
In diesem Studiengang, auf dessen Realisierung man in Landshut durch einen glücklichen Zufall gekommen sei, studieren seit dem Wintersemester 2015 20 junge Menschen, davon drei Männer. Prof. Dr. Stoffel prognostiziert den zukünftigen Absolventen sehr gute und vor allem vielfältige Einstiegschancen auf dem Arbeitsmarkt. Das Berufsbild sei bunt, da man am Alltag eines Gehörlosen teilnehme und somit auch auf kultureller und sozialer Ebene gefordert sei, so die zuständige Studienfachberaterin Prof. Dr. phil. Uta Benner. Der Weg bis zum fertigen Dolmetscher führt über den Aufbau von Sprachkompetenz, Hospitationen und der Untersuchung des Zusammenhangs von Kultur und Sprache. Auch eine wissenschaftliche Laufbahn sei durchaus möglich, da das Gebiet der Gebärdensprachdolmetschens noch sehr unzureichend besetzt sei. „Es gibt gerade einmal fünf Hochschulen in Deutschland, die ähnliche Studiengänge anbieten. Hier sind wir im Vergleich zu anderen Ländern sehr rückständig“ hält Prof. Sabine Fries fest. Die Motivation der Studierenden, die Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher aufzunehmen ist vielfältig: „Zum einen ist es die Faszination an Sprache an sich, ob visuell oder gesprochen, zum anderen wollen wir dabei helfen, Kommunikationsbarrieren abzubauen“ äußert sich Larissa Kim.
Die Feinheiten der Sprache
Prof. Sabine Fries ist die erste gehörlose Professorin Deutschlands. Als Tochter gehörloser Eltern hatte sie, wie sie selbst sagt, das Glück, an einer Regelschule ausgebildet zu werden. Prof. Sabine Fries ist bilingual aufgewachsen – das heißt sowohl mit der Gebärdensprache als auch mit der gesprochenen Sprache. Auf Nachfrage von Patricia Steinberger erklärt die Professorin, dass man in der Gebärdensprache tatsächlich alles ausdrücken kann – manches lässt sich in einer visuellen Sprache sogar besser ausdrücken. Außerdem gibt es für jedes Land eine eigene Gebärdensprache – Versuche, auch in der Gebärdensprache eine Art Esperanto einzuführen, schlugen fehl. Doch damit nicht genug – sogar Dialekte können visuell widergegeben werden. Prof. Dr. Uta Benner erklärt dies am Zusammenhang zwischen Kultur, Geschichte und Sprache: „Wenn man überlegt, wie zum Beispiel in China im Vergleich zu hier gegessen wird, dann wird klar: Da braucht man unterschiedliche Gebärden.“ Daher haben sogar die USA und Großbritannien eigene Sprachen aufgrund ihres unterschiedlichen historischen Backgrounds.
Das Stichwort lautet Inklusion
Die Notwendigkeit des neuartigen Studiengangs erkennt man in den weiteren Ausführungen von Sabine Fries: In den bereits bestehenden Studiengängen der Gehörlosenpädagogik sei die Gebärdensprache kaum Bestandteil des Lehrplans. Im Klartext hieße dies, dass Lehrer an Schulen für Gehörlose bisher überwiegend in der Lautsprache unterrichten – was zu einem eklatanten Abfall des Bildungsniveaus führt. Über Mundbewegungen alleine würde vieles missverstanden werden, gerade daher wäre Bilingualität für die erfolgreiche Inklusion von Gehörlosen extrem wichtig. Isabell Zacharias reagierte geschockt auf diese Information: „Wie kann man Gehörlosenpädagoge sein aber die Sprache nicht können? Das kann ich einfach nicht verstehen.“
Auf dem Weg zur Verbesserung der ungleichen Bildungschancen für Gehörlose lautet das Stichwort: Inklusion. Doch in der Lehrerausbildung wird diese gar nicht thematisiert, wie Studentin Franziska Dommasch aus ihrem Erststudium zu berichten weiß: „Nicht einmal das Sprachenzentrum meiner damaligen Universität bietet Gebärdensprachkurse an.“ Isabell Zacharias kommentiert dazu prägnant: „Wir wollen alle Inklusion, aber keiner tut was dafür“. Das will die HAW Landshut ändern. So sollen nach und nach auch weitere Studienangebote für Gehörlose zugänglich gemacht werden, indem Gebärdensprachdolmetscher die Vorlesungen begleiten. Auch Patricia Steinberger begrüßt diese Entwicklung: „Ich möchte gar nicht wissen, wieviel Potential uns bereits verloren gegangen ist, nur weil Gehörlose im Bildungswesen benachteiligt werden“. „Wir haben nun sehr viel an Impulsen mitgenommen, was es an Mängeln gibt und was noch verbessert werden muss um im Landtag entsprechend zu handeln“ rundet Ruth Müller das Gespräch ab.