SPD Adlkofen

Diskussion zwischen Himmel und Erde

Veröffentlicht am 01.12.2014 in Gesundheit

„Talk in der Volkshochschule“ der SPD-Landtagsfraktion zum Thema Sterbehilfe

Vilsbiburg. In einer ersten öffentlichen Veranstaltung hat sich die SPD-Landtagsfraktion an der öffentlichen Debatte zum aktuellen Thema Sterbehilfe beteiligt. Dazu hatten die beiden Abgeordneten Ruth Müller und Kathi Petersen am Mittwochabend zu einem „Talk in der Volkshochschule“ eingeladen, und mehr als 50 Gäste beteiligten sich an dieser emotional geprägten Gesprächsrunde – emotional nicht im Sinne von laut, sondern eher nachdenklich-berührend. Obwohl sich für die Debatte kein Befürworter einer aktiven Sterbehilfe fand, wurde das Thema dank der klugen Stellungnahmen der Gäste gut ausgeleuchtet.

                                  

Im Bundestag wurde die Debatte über aktive Sterbehilfe eröffnet, und sie soll längere Zeit dauern, weil die Abgeordneten dazu auch die öffentliche Meinung interessiert. Die Argumente bewegen sich zwischen zwei Gegenpolen: Der Tod dürfe keine leicht erreichbare Dienstleistung sein, sagen die einen. Andere verweisen auf das Selbstbestimmungsrecht des Menschen – auch und gerade für den eigenen Tod. Durch deutliche Liberalisierungen in Nachbarstaaten und spektakuläre Selbstmorde von Prominenten ist die öffentliche Debatte mittlerweile voll entbrannt.

Wer stirbt freiwillig ?

Zwei Mediziner, zwei Vertreter der Hospizbewegung, zwei Abgeordnete und ein Pfarrer stellten am Mittwochabend den Umstand grundsätzlich infrage, ob ein Mensch wirklich freiwillig sterben möchte, wenn die Rahmenbedingungen für ihn akzeptabel seien. Menschen mit starken Schmerzen etwa, sagte Allgemeinarzt Dr. Volkhard Pschierer, sind seelisch und geistig beeinträchtigt. Werden aber die Möglichkeiten der modernen Schmerzmedizin angewendet, dann sehe das Leben völlig anders aus. Und würde sich die Medizin heute nicht nur auf die körperliche Funktion zurückziehen, sondern den Menschen in seiner Beziehungswelt als Ganzes betrachten, ist Pschierer überzeugt, wäre manches besser zu behandeln. Allein: Das gute Gespräch mit dem Patienten ist das Privatvergnügen des Arztes und im medizinischen Alltag nicht mehr vorgesehen.

                                     

„Jeder stirbt anders“

Dr. Wolfgang Stieß ist einer der drei Allgemeinärzte, die am Hospiz Vilsbiburg tätig sind. Er sagt: „Die Debatte um das Lebensende auf den Zeitpunkt zu reduzieren, ist realitätsfremd.“ Sein Alltag zeige eine ganz andere Wirklichkeit: „Jeder Mensch stirbt anders.“ Aus diesem Grund ist er überzeugt, dass es nicht gelingen kann, die letzte Lebensphase in eine allgemeingültige gesetzliche Norm zu fassen. Und es gebe nicht wenige Menschen, so Stieß, die sich in dieser Phase ihres Lebens voll und ganz einem anderen Menschen anvertrauen.

                                      

Und wer denkt an diejenigen, die beim Sterben helfen sollen ? In Schweinfurt habe ein Fall Aufsehen erregt, erzählte Kathi Petersen, bei der ein Mann seiner schwer leidenden Frau wie vereinbart beim Suizid geholfen habe. Später habe man auch ihn tot aufgefunden, weil er diese gut gemeinte Tat nicht verkraftet hat.

Der evangelische Pfarrer Michael Lenk und später auch Werner Ehlen, Seelsorger am Klinikum, machten deutlich, dass viele Entscheidungen von anderen Menschen und gesellschaftlichen Moden beeinflusst sind. „Was möglich ist, wird immer ein Stück weit gesellschaftliche Norm“, sagte Ehlen, wohl auch angesichts des Umstands, dass Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen auf Wunsch das Einfrieren ihrer Eizellen bezahlen wollen.

                                  

Vorauseilender Gehorsam

Und weil es gesellschaftlicher Konsens ist, dass der Mensch zu funktionieren hat, empfinden sich schwerkranke Menschen oft als Belastung. Es sei für ihn vorauseilender Gehorsam, sagte Lenk, wenn ältere Menschen ihren Kindern die hohen Kosten der Pflege ersparen wollen. Und dann sei es nicht mehr weit, wie Kathi Petersen ergänzte, bis ein entsprechender Druck aufgebaut wird. Natürlich sei diese Gesellschaft vom Euthanasie-Programm der Nazis weit entfernt, „aber auch wir können der Geschichte nicht entfliehen“. Damit war man bei der Frage angelangt: „Wie viel ist uns ein älterer Mensch wert ?“

Jerry Valentin, Seelsorger am Vilsbiburger Hospiz, stellte den Hospizgedanken als Alternative zur Sterbehilfe dar. Es gehe darum, die letzte Lebensphase wieder als Normalität zu begreifen, damit der Kranke in Würde einen angstfreien Weg beschreiten könne. Er selbst sei während der vergangenen zwei Jahre 156 mal an einem Sterbebett gestanden und gelegentlich auch an die Grenzen seiner Kraft gestoßen – doch die zutiefst humane Welt im Hospiz habe immer wieder einen Weg ermöglicht: „Deshalb war Suizid bei uns nie ein Thema.“

                                    

In einer Gesellschaft, in der der Tod verdrängt wurde und die Menschen möglichst nicht mit ihm konfrontiert werden wollen, halten es immer weniger aus, Sterbende an ihren letzten Tagen zu begleiten, sagte Kathi Petersen. Und die Fallpauschalen, nach denen heute medizinische Leistungen abgerechnet werden, seien kontraproduktiv für die Hospizarbeit. Dabei wäre es enorm wichtig, die humane Sterbebegleitung auch auf Pflegeheime auszudehnen, sagte Ruth Müller, um der Gefahr eines Zwei-Klassen-Sterbens zu begegnen: Wohlumsorgt im Hospiz oder bei Standard-Pflege im Altenheim.

Text: Georg Soller

Auch die Buchhandlung Koj war mit einem Ausstellungstisch zum Thema Sterbehilfe vertreten.

        

Insgesamt erregte das Fachgespräch zur Sterbehilfe sehr viel Interesse - Der Saal war voll

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