Ausstellungseröffnung in der Schlossklinik zum Thema Flucht, Vertreibung und Asyl
Sie regten durch Worte, die zurückblicken ließen und durch die Musik zum Nachdenken an: (v.l.) Der Vizepräsident des Bundes für Vertriebene Albrecht Schläger, Schirmherrin und Landtagsabgeordnete Ruth Müller (SPD), Pfarrer Peter Nauhauser, Heinz Schönfelder am Flügel, Dr. Marlis Flieser-Hartl Vorstandsvorsitzende von Lakumed, Michael Schönfelder am Kontrabass und Heimatforscher Franz Gumplinger. (Fotos: rg)
Rottenburg. Flucht, Vertreibung und Asyl, ist nicht nur ein Phänomen der letzten Tage und Jahre. Dies verdeutlicht eine Wanderausstellung des SPD-Arbeitskreises Labertal in Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde, die noch bis zum 6. Dezember in der Schlossklinik aufgesucht werden kann. Bei der Eröffnungsfeier sprach Albrecht Schläger, Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen, über Flucht von damals und heute. Pfarrer Peter Nauhauser erzählte aus dem Leben betroffener Menschen unserer Region.
„Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“, mit einem Vers aus Matthäus 25, spannte Albrecht Schläger den Bogen, wie Flucht und Vertreibung in der Vergangenheit unsere Gesellschaft und unser Land prägten und welche Verantwortung daraus erwächst.
Der Zweite Weltkrieg endete vor 70 Jahren mit der bedingungslosen Kapitulation. Mit dem Ende des Krieges begannen auch die Vertreibungen in den östlichen Teilen Deutschlands. Etwa zwölf Millionen Deutsche mussten ihre Heimat verlassen, zwei Millionen kamen dabei um. Viele der Flüchtlingsströme führten über Monate auch nach Niederbayern. Schon damals waren die Flüchtlinge nicht immer mit ausgestreckten Armen empfangen worden.
Sich selber treu bleiben
Dabei habe es die Geschichte mit uns so gut gemeint, fuhr Schläger fort: „Vergleichen wir einmal unsere Situation heute, mit der unserer Großeltern oder dem Leben von Menschen in vielen anderen Teilen der Welt, so müssen wir große Dankbarkeit empfinden für die Bedingungen, unter denen wir leben“, sagte Schläger.
Daraus folge eine Verpflichtung, nämlich die eigene Geschichte im Hinterkopf zu behalten. In der größten Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg suchen heute rund 60 Millionen Menschen Zuflucht. Viele Familien in unserem Land haben in Ihrer Geschichte selbst eigene Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung gemacht.
Man müsse sich daher selber treu bleiben, denn unser Volk wisse, wie notwendig die Hilfe für die Opfer von Unterdrückung sei, so Schläger.
„Wir schaffen das“
Der meist diskutierte Satz im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingskrise ist folgender: „Wir schaffen das.“ Schläger betonte, wie richtig diese Einschätzung sei. Dabei wies er darauf hin, dass wir Deutschen seit Kriegsende über Jahrzehnte hinweg immer wieder mit ähnlichen Situationen umzugehen hatten. Dabei ging er auf über 20 Millionen Flüchtlinge ein, Sudetendeutsche, Russlanddeutsche und Spätaussiedler, Flüchtlinge der 60er Jahre aus der DDR, Gastarbeiter – die heute voll integriert in unserer Mitte leben, und Flüchtlinge aus den Balkanländern zu Zeiten des damaligen Bürgerkrieges. Heute rede man darüber nicht mehr. So werde man auch die Herausforderung von derzeit 3,5 Millionen Asylanträgen schultern, sagte Schläger.
Ängste vieler Menschen
Er selbst verstehe die Angst vieler Menschen nicht. Unsere Wirtschaft boomt so, dass trotz des Mehrkostenaufwandes durch die Flüchtlingskrise immer noch Schulden abgebaut werden könnten. Oft höre er Argumente, wie „Angst vor steigender Kriminalität“ oder die Befürchtung, das christliche Abendland drohe unterzugehen. Dabei wies Schläger auf Innenminister Thomas de Maizière hin, der statistisch belegte, dass die Kriminalität unter Asylbewerbern nicht höher sei, als bei den Deutschen. Er teilte auch die Einschätzung von Theologin Professor Margot Käßmann und sagt: „Wie ist es denn um unsere Gotteshäuser an den Sonntagen bestellt, wenn wir Angst um unseren Glauben haben, sollten wir uns wieder deutlicher dazu bekennen und ihn leben.“
Unendliches und unverschuldetes Leid
„Er war ein Junge im Alter von sechs Jahren, als er mit seiner Mutter und seinen fünf Schwestern nach dem Krieg von Ostpreußen floh“, erzählte Pfarrer Peter Nauhauser, als er auf die Geschichte eines evangelischen Flüchtlings einging, dessen Flucht in Rottenburg endete. „Seine Schwester verbrannte in einer Scheune, sein Bruder hatte Kinderlähmung und wurde von einem russischen Panzer überrollt. Zusammen mit 40 Flüchtlingen stand er als 6-Jähriger vor besoffenen Russen, die mit ihren Gewehren in die Menschenmenge feuerten“, sagte Nauhauser. Mit diesen Erlebnissen versuchte ein Teil der Flüchtlinge an einem anderen Ort einen „Neuanfang“ beginnen zu können. Auch in unserer Region. Die Flüchtlinge galten aber schon damals als „andere“ Menschen, sogar, weil sie evangelisch waren. Betroffene hörten damals oft Worte wie „wärt ihr doch zu Hause geblieben“. Dies habe gezeigt, so Nauhauser, dass Teile der Bevölkerung damals die Gründe der Flucht nicht verstanden haben.
„Irgendwo auf dieser Welt...“
„Die einen hatten unverschuldet Pech, die anderen hatten großes Glück – es geht darum, dass die mit dem Glück den anderen helfen“, sagte Dr. Marlies Flieser-Hartl, Vorstandsvorsitzende von Lakumed. Ihrer Ansicht nach stehe politische Moral über formaler Gerechtigkeit. Flieser-Hartl war in den 90er Jahren in ihrer Arbeit für die Organisation der Spätaussiedler und Jugoslawien-Flüchtlinge tätig. Die Schirmherrin der Ausstellung, Landtagsabgeordnete Ruth Müller (SPD), deren eigene Großmutter aus Schlesien floh, brachte die Wanderausstellung auf ihre zwölfte Station in die Schlossklinik. „Die Geschichten und Zeitzeugen gehen verloren. Die Ausstellung soll gerade diese Geschichten für die nächste Generation aufleben lassen“, sagte Müller. Dabei gehe es ihr besonders darum, das Bewusstsein über Flucht und Vertreibung aus dem Blickwinkel der eigenen Vergangenheit aus der Region zu schärfen. Heinz Schönfelder am Klavier und Michael Schönfelder am Kontrabass beendeten die Ausstellungseröffnung mit dem Lied der Comedian Harmonists „Irgendwo auf dieser Welt gibt´s ein kleines bisschen Glück“.
Text: Ralf Gengnagel, Rottenburger Anzeiger