SPD Adlkofen

„Wir müs­sen die Warn­sig­na­le wahr­neh­men“

Veröffentlicht am 11.07.2018 in Wahlkreis

„Wir müs¬sen die Warn¬sig¬na¬le wahr¬neh¬men“ Po¬di¬ums¬dis¬kuss¬ion der Fried¬rich-Ebert-Stif¬tung über Per¬spek¬ti¬v

Po­di­ums­dis­kuss­ion der Fried­rich-Ebert-Stif­tung über Per­spek­ti­ven des länd­li­chen Rau­mes

„Der Staat fördert und sichert gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen in ganz Bayern, in Stadt und Land“, heißt es in der Bayerischen Verfassung. Eine Kommission des Landtags mit der Abgeordneten Ruth Müller beschäftigte sich seit 2014 mit der Frage, wie dieser Verfassungsauftrag umgesetzt werden kann. Die dringlichste Forderung der Kommission: Die ländlichen Regionen stärken und ihre Attraktivität erhalten. Doch die Realität sieht anders aus – kleine Gemeinden werden zusehends abgehängt. Die Friedrich-Ebert-Stiftung widmete sich mit den geladenen Experten drei wichtigen Punkten: Gesundheitsversorgung, Bildung und Gemeindegestaltung. Nur eine überschaubare Teilnehmerzahl fand sich zur Diskussionsrunde in der Eskara ein – vor den Warnsignalen verschließen noch zu viele ihre Augen.
 

„Die Entwicklungen laufen nicht gleichmäßig“, bedauerte Harald Zintl, Leiter des Regionalbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung, was die Kommission zutage gefördert hatte. „Das Auseinanderdriften Bayerns ist noch einmal wissenschaftlich belegt worden“, bestätigte Ruth Müller, die das Problem durchaus im Landkreis Landshut sieht: Auch hier gebe es Regionen, die „guad eigsammt“ sind und besser dastehen als andere. Die Landtagsabgeordnete fordert „Chancengerechtigkeit für alle Menschen, egal wo sie wohnen“. Schon der Standort der nächstgelegenen Grundschule entscheide schließlich darüber, ob eine Familie in eine bestimmte Gemeinde ziehe oder nicht. „Es gibt in diesem Bereich viel zu verbessern und viele neue Ideen, die man implementieren kann“, schätzte Prof. Dr. Ernst Fricke vom Bayerischen Elternverband die aktuelle Schulinfrastruktur im Landkreis ein. Doch auch Lob hatte er für die Schulen in und um Landshut übrig: „Seligenthal ist ein Schatzkästchen geworden, von dem Engagement der Lehrer bin ich zutiefst beeindruckt.“ Zudem sei das Further Maristen-Gymnasium ganz vorne dabei, wenn es um fortschrittliche Medienpräsentation gehe. Bildung müsse insgesamt demokratisiert werden, lautete das Fazit Frickes. „Wir müssen die Forschung dezentralisieren“, fügte Ruth Müller an – auch hinsichtlich der ärztlichen Versorgung auf dem Land. Von einem „Verteilungsproblem“ sprach Johann Ertl, niedergelassener Arzt und Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns.

„Einen neuen Sitz für einen Arzt haben, ist das eine – eine Stelle in kleinen Orten wirklich zu besetzen, etwas ganz anderes.“ Deswegen gebe es schon jetzt Stipendien für Medizinstudenten, die sich zu einer späteren Beschäftigung im ländlichen Raum verpflichten. Außerdem wolle sich die neue Ärztegeneration nicht als Einzelkämpfer verdingen, sondern lieber ein Angestelltenverhältnis eingehen. Folgerichtig liege die ärztliche Versorgung in einer Stadt wie Landshut auf dem Papier bei 129 Prozent – auch in den umliegenden Gemeinden kratze man an der Vollversorgung. Doch vor lauter Vorsorgeuntersuchungen kämen Kinderärzte etwa gar nicht mehr dazu, die wirklich kranken Kinder zu versorgen. Hinzu komme ein bodenloses Fass an zeitraubender Verwaltungsarbeit.

Einen Abbau der Bürokratie hält Ertl für dringend notwendig. „Toi, toi, toi“, beurteilte Bürgermeister Hans Hutter die ärztliche Versorgung mit gleich zwei Hausärzten in seiner Heimatgemeinde. 2 400 Einwohner fasst Drachselsried im Landkreis Regen mit seinen 21 Ortsteilen. Den Bau eines Seniorenheims hat die Gemeinde selbst vorangetrieben: 2,5 Millionen Euro hat man investiert und Schulden in Kauf genommen. „Wenn man einen gesunden Baum versetzt, wird er bald hin sein“, erklärt Hutter, warum er „seine“ Senioren am liebsten im Ort behält und sie dort ihre – wie Ruth Müller es nennt – „Bonusjahre“ genießen lässt. Beim öffentlichen Personennahverkehr gestaltet sich die Sache für den Bürgermeister schwieriger: Um neben den Schulbussen weitere Buslinien in Betrieb zu nehmen, sei die Nachfrage zu gering. Hutter kann also die Schüler in seiner Gemeinde zwar mit den Bussen zur Schule bringen, weil die Schulleiterin jedoch in Pension geht, ergibt sich ein neues Problem: Es findet sich kein Nachfolger, die Stelle wird nicht nachbesetzt.

Für Harald Zintl sind das Warnsignale, die man im Landkreis Landshut wahrnehmen muss, sonst laufe man ganz schnell Gefahr, abgehängt zu werden. Dabei wolle er mit der Friedrich-Ebert-Stiftung keineswegs Lebensumstände „gleichschalten“, sondern Impulse setzen und Einblicke gewähren. Allgemeinmediziner Ertl sieht diese Notwendigkeit auch, verlangt gerade im medizinischen Bereich jedoch Maß und Ziel: „Nur weil nicht jeder A-Klassen-Fußballer am Montagmorgen einen Termin fürs Kernspin bekommt, heißt das nicht gleich, dass unser Gesundheitssystem schlecht ist.“

 

Bildunterschrift: Wollen für den ländlichen Raum Impulse setzen (v.l.): Hans Hutter , Prof. Dr. Ernst Fricke, Ruth Müller, Harald Zintl und Johann Ertl.

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