
Unehelich geboren, als Vaterlandsverräter beschimpft und nun hundert Jahre später ein Vorbild für viele Deutsche: Willy Brandt, sozialdemokratischer Bundeskanzler von 1969 bis 1974.

Unehelich geboren, als Vaterlandsverräter beschimpft und nun hundert Jahre später ein Vorbild für viele Deutsche: Willy Brandt, sozialdemokratischer Bundeskanzler von 1969 bis 1974.
Heute könnte er seinen 100. Geburtstag feiern – das habe ich zum Anlass genommen, unseren Bürgermeisterkandidaten eine Karte von Willy Brandt zuzusenden und ihnen damit symbolisch Glück zu wünschen. Denn Willy Brandt genießt noch heute über die Generationen und politischen Lager hinweg ein hohes Ansehen ob seiner Verdienste um die Aussöhnung mit den Oststaaten. „Wandel durch Annäherung“ nannte er das und er durfte miterleben, wie seine Saat aufging, als 1989 die Mauern fielen. Für mich als Jugendliche war der Begriff des „Eisernen Vorhangs“ unbegreiflich. Erst als ich 1989 bei zwei Reisen nach Prag und nach Ungarn die Grenzkontrollen, die Aufenthaltsnachweis-Pflicht und das ständige Gefühl des „Beobachtet-Seins“ erlebte, konnte ich mir davon einen Begriff machen.
Im August 1989 war ich mit zwei Freundinnen mit dem Fahrrad quer durch Ungarn unterwegs. Wir besuchten Budapest und lasen die Schlagzeile der „BILD“-Zeitung (die erste und einzige deutsche Zeitung, die wir in den 3 Wochen gesehen haben) „Die Verzweifelten von Budapest“. Am 19. August 1989 saßen wir im Zug von Budapest nach Wien, der bereits mit Verspätung losfuhr. Mehrmals hielt der Zug an, die Polizei – stets mit der Kalaschnikow im Anschlag – durchsuchte den Zug, wollte unsere Pässe, verglich akribisch unsere Stempel, kontrollierte das Gepäck von uns und unseren Mitreisenden. Irgendwann kamen wir dann auf Umwegen in Salzburg an, telefonierten mit unseren Eltern, die völlig aus dem Häuschen waren, weil wir uns – unwissend – mitten in einem historischen Moment befanden: Die Grenze zwischen Ungarn und Österreich war geöffnet worden. Die Reichweite dieses Ereignisses war uns in diesem Moment nicht klar – doch ein Stein war ins Rollen gebracht worden, der dann auch die innerdeutsche Grenze erreichte.
Willy Brandt hat mit seinem Kniefall in Warschau signalisiert, dass er für die Vergangenheit um Vergebung bittet, aber für die Zukunft auf Annäherung hofft. Unser Landkreis Landshut hat bereits im Jahr 1990 eine Partnerschaft mit dem Rayon Nowosibirsk begründet, in der ich seit vielen Jahren aktiv bin. Ungeachtet der Zweifel, die viele Kreisräte hatten, eine Partnerschaft über diese Entfernung und Sprachbarrieren hinweg mit Leben zu erfüllen, gab ein Satz des damaligen Landrats Meyer den Ausschlag: „Nach dem Leid der beiden Weltkriege und den vielen Jahren des Kalten Krieges dürfen wir diese ausgestreckte Hand der Versöhnung nicht ausschlagen“. Die Versöhnung hat Willy Brandt mit seiner Ostpolitik in die Wege geleitet.
Wir konnten im letzten Jahr das 40jährige Bestehen des SPD-Kreisverbands Landshut (in seiner jetzigen Form nach der Gebietsreform 1972) feiern und hatten dazu auch Mitglieder eingeladen, die 1972 in die SPD eingetreten sind. Sie alle erinnerten sich mit blitzenden Augen an den Willy-wählen-Wahlkampf 1972, der viele junge Menschen politisiert und mobilisiert hatte. „In unserem Käfer hatten wir Willy-Plakate“, erinnerte sich einer an den Wahlkampf.
Legendär finde ich das Interview zwischen Willy Brandt und Friedrich Nowottny, in dem Willy Brandt nur mit „Ja“, „Doch“ und „Nein“ antwortet, nachdem ihm zuvor mitgeteilt wurde, dass die Sendezeit knapp sei. Das zeigt auch, dass Willy Brandt Humor hatte und auf unvorhergesehene Situationen ungewöhnlich reagieren konnte.
Die konservative Presse ist mit ihm nicht zimperlich umgegangen, seine uneheliche Geburt wurde thematisiert, seine Jahre im Exil ebenso. Das wirft auch einen Blick auf die damalige Gesellschaft. Heute spielen Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder die Familienverhältnisse (verheiratet, geschieden, ledig) zum Glück keine Rolle mehr.
Neben der Ostpolitik hat Willy Brandt aber auch die Bildungspolitik Deutschlands maßgeblich geprägt. Während seiner Kanzlerschaft wurde das „Bafög“ eingeführt, dass es jungen Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft und finanziellen Situation – ermöglichte, ein Studium aufzunehmen. Auch das ist ein Grund, warum die Sozialdemokraten in Bayern gegen die Einführung eines Büchergelds und der Studiengebühren Sturm gelaufen sind.
Willy Brandts Leitspruch „Mehr Demokratie wagen“ hat die SPD in diesem Jahr mit dem Mitgliederentscheid vorbildhaft mit neuem Leben erfüllt.
Dass Willy Brandt zurücktreten musste, weil sein engster Mitarbeiter Günter Guillaume als DDR-Spion enttarnt wurde, ist nach heutigen Maßstäben für mich nicht mehr nachvollziehbar. Wir haben m. E. angesichts der Spähaffäre NSA und auch der NSU-Morde größere politische Schäden zu verzeichnen, weil die Technik unterschätzt wurde und die „Gefahr von rechts“ verharmlost wurde.
Anlässlich des 100. Geburtstags von Willy Brandt hat die SPD ein Wandplakat herausgegeben, dass ich mir beim Parteitag in Leipzig bereits eingepackt habe. Es wird in meinem neuen Büro in Landshut aufgehängt werden. Der Spruch: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll“ ist immer noch gültig.
„Deutscher bis ins Mark, Europäer aus Überzeugung und Weltbürger aus Berufung.“ So verabschiedete sich sein enger politischer spanischer Freund Felipe González am 17. Oktober 1992 bei der Beerdigung von Willy Brandt. Eine kurze und treffende Zusammenfassung seiner Lebensleistung.
Homepage Ruth Müller